Giftige Brühe aus dem Wasserhahn

Washington.  Hoffnungslosigkeit, Drogen und Kriminalität: Seit der Autoriese General Motors Ende der 80er-Jahre hier seine Werke dichtmachte und Flint zum Sterben liegen ließ wie einen angefahrenen Straßenköter, ist die Stadt im US-Bundesstaat Michigan der Inbegriff des Niedergangs. Mit der preisgekrönten Dokumentation „Roger & Me“ baute Michael Moore seiner Heimatstadt ein trotziges Kinodenkmal. Und auch diesmal muss der Regisseur nicht weit fahren, um Abgründe zu entdecken.

Seit 20 Monaten haben die 100 000 Bürger von Flint, in der Mehrzahl Schwarze, die unterhalb der Armutsgrenze leben, kein sauberes Trinkwasser. Was da an stinkender Brühe aus dem Kran rinnt, löst Hautekzeme, Erbrechen und Haarausfall aus. Und ist so bleihaltig, dass Kinderärzte Alarmstufe rot ausgelöst haben.

Am Wochenende rief Präsident Barack Obama den Notstand aus, um Bundesmittel – sprich: Tausende Paletten mit Plastikwasserflaschen – schneller nach Flint lotsen zu können. Die Politiker vor Ort haben weder das nötige Geld oder den politisch breiten Rücken, um die Misere zu beenden. Eine Misere, die drastisch zeigt, wozu kopfloses Sparen führt. Und dass in Amerikas Infrastruktur mittlerweile Verhältnisse herrschen wie in der Dritten Welt.

Weil das bis vor Kurzem unter Zwangsverwaltung stehende Flint jeden Dollar zur Seite legen muss, kamen die von einem Sparkommissar kontrollierten Stadtväter vor zwei Jahren auf die Idee, am öffentlichen Nass zu sparen. Statt für jährlich 8,5 Millionen Dollar weiter am (gesunden) Stadtwerke-Tropf des 100 Kilometer südlich gelegenen Nachbarn Detroit zu hängen, der sich aus dem Lake Huron bedient, entschied man, das Trinkwasser künftig aus dem örtlichen Flint-Fluss zu entnehmen. Obwohl es dort keine Klär- und Wiederaufbereitungsanlage gibt. Ersparnis: drei Millionen Dollar. Gesagt, getan – und sofort bereut.

Schon nach wenigen Wochen kamen wütende Klagen von Bürgern. „Gelblich war das Wasser und es stank erbärmlich“, erinnerte sich Rabecka Cordell, eine alleinerziehende Mutter, im Gespräch mit der Zeitung „Detroit Free Press“. Aber die Behörden reagierten hinhaltend. Anwohner, die über die „ungenießbare Qualität“ des Wassers lamentierten, wurden „vertröstet“. Dabei waren die Anzeichen, dass etwas total außer Kontrolle geraten war, schon im Sommer 2014 unübersehbar: Das „neue“ Trinkwasser ließ die Operationsbestecke der örtlichen Hospitäler im Eiltempo rosten. Und in der Hurley Kinderklinik diagnostizierte Dr. Hanna-Attisha nach 2000 Untersuchungen „einen besorgniserregenden Anstieg bei der Bleibelastung junger Mädchen und Knaben“.

Michigans Gouverneur Rick Snyder, und dafür will Filmemacher Michael Moore ihn des Amtes enthoben und angeklagt sehen, ließ sich aber noch bis vergangenen Herbst Zeit, um die Bevölkerung offiziell zu ermahnen, die Wasserhähne geschlossen zu halten und auf die nächste Ration Plastikwasserflaschen zu warten.

Behördenverhalten „fast kriminell“

Wissenschaftler der Universität Virginia Tech hatten zuvor behauptet, dass Flints kommunales Nass von der Qualität „toxischen Abwassers“ sei. Experten um Studienleiter Mark Edwards fanden heraus: Das Wasser aus dem örtlichen Fluss ist so korrosiv, dass es in den 100 Jahre alten Wasserrohren Tausender Privathaushalte schlicht den Bleigehalt ausspült. Edwards Team sagt, dass der Umgang der Landesbehörden mit der Verunreinigung „fast kriminell“ zu nennen ist. Auch darum hat der Generalstaatsanwalt eine Untersuchung eingeleitet.

Experten der Washingtoner Denkfabrik Brookings sehen in Flint einen Weckruf, endlich genauer die seit Jahren verfallende öffentliche Infrastruktur in Augenschein zu nehmen – und sich neue Gedanken über die Finanzierung zu machen. Von den 60 Milliarden Dollar, die Amerika im Jahr für die Instandhaltung seiner 51 000 kommunalen Wassersysteme ausgibt, kommt nur ein Prozent Zuschuss von der Zentralregierung. Von Generalsanierung gar nicht erst zu reden. Die würde in Flint laut Schätzungen 1,5 Milliarden Dollar kosten. Völlig illusorisch.

 
 

EURE FAVORITEN