"Gesundheit" ist wieder gesellschaftsfähig

Frankfurt/Main. Schnauben, schniefen, niesen - Schnupfen ist unangenehm und garantiert nicht gesellschaftsfähig. Der fromme Wunsch "Gesundheit" galt lange ebenfalls als unfein. Das will die Deutsche Knigge Gesellschaft jetzt ändern - und räumt gleich noch mit anderen liebgewonnenen Benimmregeln auf.

Ein «Hatschi» des Bürokollegen konnte in den vergangenen Jahren ganz schön unangenehm werden. Da musste man sich das auf der Zunge liegende «Gesundheit» verkneifen und so tun, als sei gar nichts passiert. Nun aber wollen manche Experten Schluss machen mit dieser seit zehn Jahren geltenden Benimmregel, mit der sich viele nie recht anfreunden konnten.

Zumindest nach dem Willen der Deutschen Knigge Gesellschaft dürfen sich die Deutschen wieder nach Herzenslust «Gesundheit» und «Guten Appetit» zurufen. Sogar das alte «Ladys First"-Prinzip stellte die Knigge Gesellschaft auf ihrer Jahrestagung am Wochenende im ostwestfälischen Geseke in Frage.

Hans-Michael Klein kann sich aufregen über Benimm-Experten, die das «Gesundheit» vor einigen Jahren auf den Index setzten. «So ein Blödsinn», wettert der Vorsitzende der Knigge Gesellschaft, in der deutschlandweit 17 Benimm-Trainer organisiert sind. Aus historischer Sicht sei es zwar nicht ganz korrekt, seinem niesenden Gegenüber «Gesundheit» zu wünschen. Denn in Pest- und Tuberkulosezeiten hatten sich die angeniesten Menschen eigentlich selbst lauthals «Gesundheit» gewünscht. Heutzutage sei der Ausruf aber erstens höflich gemeint und zweitens verbreitet. «Da sind Niesende doch fast beleidigt, wenn man nichts sagt.»

Auch das gute alte «Guten Appetit» will die Deutsche Knigge Gesellschaft wieder hoffähig machen, wie sie auf ihrer Jahreshauptversammlung beschloss. Die Stilexperten können nicht verstehen, warum es unchic sein soll, das Essen mit solch einem «Startsignal» zu beginnen. Ja, früher hätten nur Zofen und Diener ihren Herrschaften «Guten Appetit» gewünscht. Und ja, dieser Ausruf sei auf dem gesellschaftlichen Parkett lange verpönt gewesen, räumt Klein ein. «Aber heute heißt 'Guten Appetit' nichts anderes als 'Es möge Euch schmecken. Es geht jetzt los'.»

Das Aus für Kavaliere?

Der Kniggerianer stellt sogar einen uralten Grundsatz der Benimmkunde in Frage: Das «Verwöhnprogramm» für die Frau, wie er es nennt. Warum, so fragt Klein, muss Frauen im Zeitalter der Emanzipation eigentlich noch in den Mantel geholfen werden? Schließlich dienten Frauen heutzutage sogar bei der Bundeswehr. «Soll ich ihr etwa auch in den Tarnanzug helfen? Das ist doch wohl ein Witz», poltert Klein, der eine Knigge-Akademie betreibt.

So richtig konnte sich Klein in Geseke damit aber nicht gegen seine 14 weiblichen und drei männlichen Kollegen durchsetzen. Lediglich eine «Diskrepanz zwischen Emanzipation und dem Rollenbild bei Knigge» stellte die Gesellschaft offiziell fest.

Die Etiketten-Trainerin Susanne Helbach-Grosser will den guten alten Kavalier jedenfalls nicht missen. «Man kann zwar einen Gang runterfahren. Aber auf dem gesellschaftlichen Parkett ist es eine unglaublich attraktive Geste», schwärmt sie. Im Gegensatz zu ihren Kollegen von der Knigge Gesellschaft wird ihr auch «Guten Appetit» weiterhin nicht über die Lippen kommen. In der Kanine sei das okay, sagt die Inhaberin der Schwäbisch-Gmünder Firma «Takt und Stil», die in Seminaren gutes Benehmen lehrt. «Aber in der feinen Gesellschaft bleibt das ein No go.»

Knigge-Vorsitzender wettert gegen Benimm-Spießer

Helbach-Grosser findet es auch viel höflicher, kommentarlos über einen Nieser des Gegenübers hinwegzugehen. Einerseits, weil Niesen nicht besonders vorteilhaft aussehe. «Und in Heuschnupfen-Zeiten, wenn das halbe Büro niest, ist es absolut störend, wenn ständig und aus jedem Winkel jemand «Gesundheit» ruft.» Die Benimm-Expertin ist ohnehin der Ansicht, dass weder die Knigge Gesellschaft noch sonst irgendjemand so holterdiepolter die Spielregeln ändern kann. «Umgangsformen ändern sich langsam, und wir alle sind daran beteiligt.»

Die Knigge Gesellschaft möchte mit den neuen Benimmregeln ein Zeichen setzen, wie Klein betont. Er beobachtet einen wahren Boom von Knigge-Kursen. Doch oftmals gehe es dabei nur um Äußerlichkeiten, beklagt er. «Mancher kommt mit gestärktem Hemd und Nadelstreifen daher, geht dann aber über Leichen.» (afp)

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