"Ehrenmord" an sechsfacher Mutter? Angehörige vor Gericht

Fünf Angehörige des Opfers stehen wegen gemeinschaftlichen Mordes vor Gericht.
Fünf Angehörige des Opfers stehen wegen gemeinschaftlichen Mordes vor Gericht.
Foto: Lars Heidrich
Von Hanaa S. fehlt jede Spur. Angeklagt wegen Mordes sind fünf Angehörige, darunter Ehemann und Sohn. Vor Gericht wird ein Mord ohne Leiche verhandelt.

Wuppertal. Hanaa S., Mutter mehrerer Kinder, ist verschwunden. Sie hatte sich von ihrer Familie in Düsseldorf getrennt, war nach Solingen gezogen. Die Polizei sucht zwar noch nach der 35-jährigen Frau. Sie ist aber sicher, dass sie nicht mehr lebt. Denn sie soll gegen die „Ehre“ der Familie verstoßen haben, die aus dem Irak stammt.

Angeklagt wegen gemeinschaftlichen Mordes sind jetzt ihr 41-jähriger Ehemann Salim S., ihr 18 Jahre alter Sohn sowie zwei Brüder und eine Schwester des Ehemannes. Am Montag begann der Prozess gegen die fünf 18 bis 41 Jahre alten Angeklagten vor dem Landgericht Wuppertal. Verhandelt wird ein Mord ohne Leiche. Ihren Sohn scheint das Schicksal der Mutter nicht weiter zu kümmern. Im Gerichtssaal trägt er ein T-Shirt mit aufgedrucktem Totenschädel.

Hanaa S. gehörte zur Religionsgemeinschaft der Jesiden, die in den letzten Jahren in Syrien und im Irak vom „Islamischen Staat“ brutal bekämpft wurde. In Deutschland werden immer mal wieder Fälle bekannt, dass Abtrünnige, die sich nicht an die Regeln der Gemeinschaft halten, von der eigenen Familie verfolgt werden. Manche schrecken auch vor einem Mord nicht zurück.

Mit 15 Jahren verheiratet

Mit 15 Jahren wurde Hanaa S. verheiratet, die Familie wuchs auf sechs Kinder an. Doch die Ehe soll für sie ein Martyrium gewesen sein, geprägt von Schlägen ihres Mannes. 2014 löste sie sich von ihrem Ehemann Salim S., ging in Düsseldorf ins Frauenhaus. Sie lernte einen anderen Mann kennen und zog nach Solingen. Zur Ruhe kam sie nicht. Regelmäßig sollen Familienmitglieder gekommen sein, um sie zur Rückkehr aufzufordern.

Laut Anklage beschloss die Familie, Hanaa S. zu töten, weil sie es gewagt hatte, ihren Mann zu verlassen und eine neue Beziehung einzugehen. Sie habe damit gegen das „konservativ-patriarchalische Familienbild“ verstoßen. Nur durch ihren Tod könne die „Ehre ihres Mannes“ wiederhergestellt werden, behauptet die Anklage.

Am 21. April 2015 sollen ihr Sohn und ein 25 Jahre alter Schwager sie in ihrer Solinger Wohnung überwältigt haben. Es sei zunächst zu einem Kampf gekommen, bei dem der Schwager verletzt wurde und Blut verlor. Die Anklage lässt offen, ob Hanaa S. bereits in ihrer Wohnung ermordet wurde oder später in einem Waldstück in Hilden. Von dort soll es mit zwei Autos, einem Renault Trafic und einem VW Touran, in Richtung Süddeutschland gegangen sein, wo die Leiche von Hanaa S. in einem Waldstück bei Kronau vergraben worden sein soll.

Soweit die Behauptungen der Anklage, die erst am späten Montagmittag verlesen wurde. Die Verteidiger der fünf Angeklagten hatten zuvor Befangenheitsanträge gestellt und die Zuständigkeit des Wuppertaler Landgerichtes gerügt. Zu den Tatvorwürfen haben die Angeklagten bislang geschwiegen.

Staatsanwaltschaft und Polizei fehlen Beweise. Es sind Indizien, die sie zusammengetragen haben. Dazu gehören Blutspuren, die einem Schwager zugeordnet werden, in der Wohnung von Hanaa S. und die Fahrtroute der beiden Autos nach Süddeutschland zu einem Waldstück. Suchaktionen dort blieben erfolglos. Einsatzhundertschaften, Polizeitaucher und die Fliegerstaffel hatten Gewässer und Wälder in mehreren Bundesländern überprüft. Ohne Erfolg.

Zu den Indizien zählt auch die Beobachtung einer Nachbarin in Solingen. Sie hatte sich bei der Polizei gemeldet und mitgeteilt, dass Männer am 21. April einen zusammengerollten Teppich aus der Wohnung getragen und in einen weißen Kastenwagen gelegt hätten. Ein entsprechendes Fahrzeug fand die Polizei im Umfeld der Familie.

Parallelfall in Essen ohne Anklage

An bislang 46 Tagen will das Gericht jetzt prüfen, ob den Angeklagten die Tat nachgewiesen werden kann. In einem vergleichbaren Fall hat die Staatsanwaltschaft Essen auf eine Anklage verzichtet. Es geht um die 2011 verschwundene Polizistenfrau Annette Lindemann aus Gelsenkirchen. Die Indizien belasten ihren Ehemann stark, doch die Staatsanwaltschaft fürchtet, dass es nicht für eine Verurteilung reicht und er freigesprochen wird. Danach könnte er nicht mehr erneut angeklagt werden, wenn plötzlich neue Beweise auftauchen würden. Deshalb wollen die Essener Ankläger warten.

 
 

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