Gerappte Gebärdensprache

Der Sohn also ist Schuld. Bei dem Workshop mache er nur mit, erzählt Hans Busch, weil ihn sein Sprössling dazu genötigt und angemeldet habe. Ganz so ist es dann aber doch nicht. Busch erzählt, dass er auch ein Eigeninteresse habe, sich auf die Bühne zu stellen und mit sehr viel jüngeren Teilnehmern gemeinsam Kurzgeschichten oder poetische Texte vorzutragen.

München (dapd). Der Sohn also ist Schuld. Bei dem Workshop mache er nur mit, erzählt Hans Busch, weil ihn sein Sprössling dazu genötigt und angemeldet habe. Ganz so ist es dann aber doch nicht. Busch erzählt, dass er auch ein Eigeninteresse habe, sich auf die Bühne zu stellen und mit sehr viel jüngeren Teilnehmern gemeinsam Kurzgeschichten oder poetische Texte vorzutragen. "Ich will nicht rot werden und üben, vor vielen Menschen zu sprechen", sagt der Münchner. Busch ist 60 Jahre alt - und taub. Das macht den Workshop an diesem Wochenende in München so schwer und einzigartig zugleich.

München ist die vierte von fünf Stationen des sogenannten Deaf Slam. In Deutschland gab es einen vergleichbaren Wettbewerb bisher nicht. In den USA und auch in der Schweiz hat sich schon eine Szene etabliert, in der hörende und gehörlose Poeten gemeinsam auf der Bühne stehen und um die Gunst des Publikums wetteifern. "Unsere Hoffnung ist, dass dadurch auch in Deutschland eine Art Keimzelle entstehen kann und es selbstverständlich wird, dass Menschen mit und ohne Behinderung miteinander performen", sagt Nadja Ullrich.

Ullrich ist die Projektleiterin und bei der Aktion Mensch für das Filmfestival "überall dabei" verantwortlich. In diesem Jahr ist München vom 25. April bis zum 1. Mai Schauplatz dieser Filmtage, die es in dieser Form nirgendwo anders in Europa gibt. Jeder kann dabei sein. Es gibt barrierefreie Zugänge, Untertitel für schwerhörige Menschen oder Bildbeschreibungen für alle, die nicht sehen können. Auch inhaltlich setzen sich die Filme damit auseinander, wie sich Mittel und Wege finden lassen, dass Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich am Alltag teilnehmen können, ohne sich ausgegrenzt zu fühlen.

Ein Beispiel für diese Inklusion ist der amerikanische Dokumentarfilm "Deaf Jam", der in diesem Jahr gezeigt wird. Er hat Ullrich dazu inspiriert, das Deaf-Slam-Projekt anzugehen. Der Film erzählt von zwei jungen Frauen, die sich in New York kennenlernen und verschiedener kaum sein könnten. Aneta ist aus Israel eingewandert und taub. Tahani, eine gebürtige Palästinenserin, hat sich als Slam-Poetin bereits einen Namen gemacht. Die beiden gehen eine eindrucksvolle Allianz ein und entwickeln eine gemeinsame Ausdrucksweise, in der sie gerappte Lautsprache mit der Gebärdensprache auf einzigartige Weise miteinander verbinden.

"Wie reime ich in der Gebärdensprache?"

Von der Dynamik dieser Lyrik, von ihrer Gestik und Mimik, ist Wolf Hogekamp besonders angetan. Der gebürtige Berliner hat den Poetry Slam in Deutschland in den frühen neunziger Jahren mitgegründet. Er ist sofort von Deaf Slam fasziniert und fragte sich: "Wie reime ich in der Gebärdensprache?" Seine Erfahrungen haben ihn nun gelehrt, dass die Umsetzung von Bildern sehr wichtig sei, sagt Hogekamp, der den Workshop in München gemeinsam mit dem Gebärdensprachdozent Andreas Costrau lenkt. Die Gebärden in der Poesie seien weniger exakt, lockerer, der Raum spiele eine größere Rolle. "Beispielsweise eine Blume kann man fürs Publikum sehr schön zeigen", sagt Hogekamp.

Die Zuschauer sind bei allen Slams die letzte Instanz. Sie allein entscheiden mit ihrem Applaus, wer am Ende der Slamer des Abends ist. Das ist am Sonntag beim abschließenden Deaf Slam im Münchner Monopol Kino nicht anders, bei dem die im Workshop erprobten Stücke aufgeführt werden. Allein oder in Gruppen. In München fanden sich 20 Gleichgesinnte - Gehörlose wie Hörende - ein, um es zu versuchen.

"Ums gewinnen geht es mir aber nicht", sagt der Familienvater Busch: "Mir soll es vor allem Spaß machen." Dabei wäre er einem Sieg doch nicht ganz abgeneigt. Denn die Gewinner aus den fünf Städten treffen sich am 13. April in Hamburg zum großen Finale. Auf den bundesweiten Sieger wartet ein besonders Erlebnis. Er darf nach New York reisen und sich gemeinsam mit Aneta und Tahani an einem Slam-Wettbewerb mit den besten der Welt messen. "Meinen Sohn würde ich mitnehmen", sagt Hans Busch. Welches Thema er auf der Bühne denn aufführen wolle? "Etwas Aktuelles", antwortet er: "Irgendetwas mit dem Papst."

dapd

EURE FAVORITEN