Geologen wegen fehlender Bebenwarnung in Italien vor Gericht

Eva Arndt
Hilfe versprach Silvio Berlusconi des Opfern von L’Aquilla. Passiert ist bisher wenig. Foto: ddp
Hilfe versprach Silvio Berlusconi des Opfern von L’Aquilla. Passiert ist bisher wenig. Foto: ddp
In Italien wird Geologen der Prozess gemacht, weil sie die Bewohner von L’Aquila nicht vor dem Erdbeben gewarnt haben. Bei dem Beben starben 309 Menschen. Die Wissenschaftler wehren sich. Beben seien nicht vorhersehbar, sagen sie.

Rom. Dass die Erde bebt, daran waren die Einwohner im italienischen L’Aquila im April 2009 seit Monaten gewöhnt. Doch am 5. April vor zwei Jahren rumpelt es massiver als sonst. Die Nacht danach bringt Tod und Elend über die Menschen. Ein Beben der Stärke 6,3 legt ganze Teile der mittelalterlichen Stadt in Schutt und Asche. 309 Menschen verlieren ihr Leben. Jetzt sind sechs Wissenschaftler und ein Mann vom Katastrophenschutz angeklagt, weil sie die Einwohner nicht deutlich gewarnt haben.

Die Hauptstadt der mittelitalienischen Region Abruzzen ist seit jeher Erdbebengebiet. Aus dem Jahr 1315 gibt es die ersten Aufzeichnungen. 1703 waren 2400 Tote zu beklagen, 1786 über 6000 Opfer. Auch 1915 und 1958 wurde die Stadt von Erdstößen heimgesucht.

Gebiet wird von zwei Erdplatten durchzogen

Seismologen erforschen seit Jahren dieses Apenningebiet, das von zwei Erdplatten durchzogen wird und somit als gefährdet gilt. Nur wenige Tage vor der Katastrophe 2009 trafen sich Experten in der Stadt, um das Risiko eines Erdbebens einzuschätzen. Ein schweres Beben stehe wohl nicht bevor, hieß es. Ausschließen wollten die Wissenschaftler es aber auch nicht. Allerdings gab es keinerlei besondere Warnung für die Einwohner, die sich dann auf die beruhigenden Prognosen der Seismologen verließen – mit verheerenden Folgen.

Vertrauen in die Aussagen der Wissenschaftler legte auch der Arzt Vincenzo Vittorini, der an diesem 5. April mit seiner Familie im Haus schlief, anstatt den sicheren Ort im Freien zu wählen. Was er erwogen hatte. Vittorini verlor bei dem Erdbeben Frau und Tochter, ist jetzt Vorsitzender der Hinterbliebenen-Organisation „309 Märtyrer“.

Opfer treten als Nebenkläger auf

Es wäre ja einfach gewesen zu sagen, dass die Lage nicht unter Kontrolle sei, so Vittorio. Man hätte dann Zelte für diejenigen aufstellen können, die sich lieber in Sicherheit bringen wollten, sagt er. Der Arzt fordert als Nebenkläger im Prozess 50 Millionen Euro für die Angehörigen der Toten.

Für inakzeptabel halten eine solche Anklage Forscher aus der ganzen Welt. Über 5000 unterschrieben einen Brief, den sie an Italiens Staatspräsidenten Giorgio Napolitano schickten. Es könne nicht sein, dass den Wissenschaftlern der Prozess gemacht werde, obwohl bisher eine Vorhersage für Erdbeben schlicht nicht möglich sei. Diesen Brief unterschrieben auch Wissenschaftler des GeoForschungszentrums Potsdam. „Erdbeben lassen sich nicht in Bezug auf den Ort, die Stärke und gleichzeitig auf die Zeit vorhersagen“, betont Prof. Dr. Marco Bohnhoff.

Vorhersage eines Bebens ist nicht möglich

Es gebe in der Tat eine Reihe von „Vorläufer-Phänomenen von Erdbeben, die immer einmal wieder beobachtet werden, zum Beispiel Vorbeben, Gas-Austritte, elektromagnetische Signale, anomales Tierverhalten“, bestätigt der Professor.

Keines dieser Phänomene träte aber auch nur annähernd zuverlässig auf, um sie für eine Erdbebenvorhersage einsetzen zu können.

Längst gibt es die Spekulation, das ganze Szenario sei angezettelt worden, um vom Debakel des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi abzulenken. Der hatte nach dem Beben nicht nur mit der verbalen Entgleisung „geglänzt“, in einem Zelt als Notunterkunft zu leben, sei wie Camping-Urlaub. Er hat es auch nach zweieinhalb Jahren nicht geschafft, Zehntausenden von Opfern des Bebens mehr zu bieten als Notunterkünfte. Der Prozess wird noch bis Anfang Januar 2012 dauern.