Gent führt den "vegetarischen Donnerstag" ein

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Gent. Donnerstag ist Gemüsetag! Mit diesem Schlagwort ruft die flämische Stadt Gent ihre Bürger einmal pro Woche zum Fleischverzicht auf. Nutzen soll es dem Klima, den armen Ländern, den Tieren - und natürlich der eigenen Gesundheit. Ganz unerwartet stößt die Initiative auf weltweites Interesse.

Dem Gelegenheitsbesucher präsentiert sich Gent nicht als Ort des Fleischverzichts. „Rippchen soviel Sie wollen“ verspricht die Werbetafel einer Gaststätte im historischen Kern. Doch dem ersten Eindruck zum Trotz ist die malerische Studentenstadt in Flandern auf dem besten Weg, zum vegetarischen Pionier zu werden. Denn: „Donderdag – Veggiedag“ – Donnerstag ist Gemüsetag.

90.000 vegetarische Stadtpläne

Die Idee ist einfach: Die Stadtverwaltung ermuntert ihre Bürger, einmal pro Woche auf Fleisch zu verzichten. Nutzen soll es dem Klima, der Weltbevölkerung, der eigenen Gesundheit – und selbstverständlich den verschonten Tieren.

90.000 vegetarische Stadtpläne weisen den fleischliebenden Flamen den Weg zu 94 Restaurants mit anständigem vegetarischen Angebot. Im Mai schmissen die Stadtväter eine Auftaktparty auf dem Marktplatz. Was dann folgte, überrannte die Gastro-Apostel völlig: Die internationale Presse berichtet, potenzielle Nachahmer aus aller Welt bekunden Interesse.

Nur kein Gemüsezwang

„Es war gar nicht so gedacht, aber nun ist es sogar eine Werbemaßnahme für die Stadt“, sagt ein noch immer leicht überrascht wirkender Sprecher. Die nächste Stufe will der sozial-liberal dominierte Genter Stadtrat im September zünden: Dann wird die Aktion auf die städtischen Grundschulen ausgeweitet – wer nachfragt, kann dort aber auch an Donnerstagen weiterhin fleischhaltig speisen. „Nur kein Zwang“ lautet die Devise.

Das gilt auch bei der Partnerorganisation EVA, kurz für „Ethisch Vegetarisch Alternatief“. Die Vegetarierorganisation, obwohl fleischlichen Genüssen in Gänze abhold, wirbt schon länger gezielt für den Teilzeit-Verzicht. „Wir wollten die Teilnahme so einfach wie möglich machen“, sagt der Vorsitzende Tobias Leenaert. Wenn alle knapp 240.000 Genter ein Jahr lang einmal pro Woche dem Kotelett entsagen, dann ließen sich dadurch soviel Treibhausgase einsparen wie mit 18.000 Autos, die ein Jahr lang in der Garage blieben.

Zwei Planeten zu wenig

Denn global erzeugen Nutztiere 18 Prozent aller klimaschädlichen Gase, wie eine Studie der Welternährungsorganisation FAO 2006 feststellte, mehr noch als der Verkehr. Solche Argumente stoßen in Gent auf offene Ohren: Im größten autofreien Stadtzentrum Belgiens begegnen einem ohnehin eher jonglierende Rastafaris als staugestresste Autofahrer.

Nicht nur die Umwelt soll profitieren, auch die Weltbevölkerung: Die Fleischerzeugung verbraucht soviel Wasser und Fläche, dass das westliche Niveau des Fleischkonsums auf Dauer nicht zu halten ist. Und die Entwicklungsländer holen auf: „Wenn die Nutztiermenge weiter so wächst, dann sind es neun Milliarden 2050. Wir würden zwei zusätzliche Planeten benötigen, um die zu ernähren“, sagt Leenaert. „Die haben wir aber nicht“, fügt er sicherheitshalber hinzu.

Appell an den Eigennutz

Doch vor allem appellieren die Vegetarier an den Eigennutz. Die kulinarische Zurückhaltung soll der Gesundheit und den Geschmacksnerven gut tun. An diesem Punkt stoßen die Initiatoren auf Zuspruch örtlicher Gastronomen. Viele haben ohnehin fünf bis zehn fleischlose Gerichte im Menu. Für den „vegetarischen Donnerstag“ werben die wenigsten gezielt, obwohl sie es eine „gute Aktion“ nennen. So mancher von ihnen hegt offenbar eine Vorliebe für das unterschätzte Gemüse.

Aus der Landwirtschaft indes weht den Aktivisten der Wind des Widerstands in Gesicht: Als man in Leuwen über eine ähnliche Initiative beriet, protestierten die Bauern. Hasselt wird dennoch im Oktober eine ähnliche Aktion starten, Brüssel und kleinere belgische Städte nimmt EVA ebenso ins Visier wie die britische Partnerstadt Nottingham. Sao Paolo in Brasilien und Genua in Italien haben Interesse angemeldet.

„Meine ideale Welt wäre vegetarisch“, sagt EVA-Mann Leenaert unumwunden. Das gegenwärtige System der Nahrungsmittelerzeugung sei ohnehin nicht zu halten. Doch sein Etappenziel ist bescheiden: „Der Aufruf zum Fleischverzicht sollte eine akzeptierte Botschaft werden.“ So wie es Kampagnen fürs Radfahren und Treppensteigen schon heute sind.

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