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Gelotophobie – warum manche Menschen ständig fürchten, ausgelacht zu werden

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Foto: Getty
Wenn andere lachen, wird das für manche zur Qual. Sie sehen einen Angriff, weil sie fürchten, ausgelacht zu werden. Der Grund kann eine anerzogene übertriebene Scham sein. Der Fachbegriff für diese Probleme heißt Gelotophobie.

Essen. 

Viele Klassenclowns haben es geschafft. Den Sprung vom Opfer, das unfreiwillig ausgelacht wurde, zum anerkannten Kameraden, der den Schulalltag erheitert. Von ausgelacht zu angelacht. Diese Selbstkontrolle und Sicherheit wiederzuerlangen, und nicht hinter jedem Lächeln der Mitmenschen einen Angriff zu sehen — darum kämpfen Gelotophobiker, Menschen mit einer ausgeprägten Phobie vor dem Lachen.

Die Ursache für diese Form der Scham-Angst führt der Psychoanalytiker und Humorforscher Dr. Michael Titze auf soziale Anpassungszwänge in der Kindheit zurück: „Eine schamgeprägte Erziehung bringt häufig eine verkrampfte Konformität und übertriebene Folgsamkeit hervor.“ Besonders Kulturen, in denen das Allgemeinwohl vor das Wohl des Einzelnen gestellt wird, seien anfällig für diese Art der Erziehung.

Besonders verbreitet in muslimischen Ländern

Eine Studie der Universität Zürich belegt diese These: Menschen aus 73 Ländern wurden auf Gelotophobie untersucht— insgesamt rund 23.000 Probanden haben teilgenommen. Das Ergebnis: In muslimischen Ländern und in Japan leben auffallend viele Gelotophobiker. Die skandinavischen Länder haben dagegen eine sehr viel niedrigere Rate.

„Muslimische Länder sind typische Schamkulturen, deswegen ist die Anzahl Betroffener hier so hoch“, sagt Michael Titze. Deutschland sei in der Nachkriegszeit auch noch eine Schamkultur gewesen. „Bis in die 60er-, 70er-Jahre wurden Kinder bei uns zu einer übertriebenen Scham erzogen.“

Demütigungen durch Bezugspersonen und das Lachen als Mittel zur Kränkung führt in vielen Fällen zu schweren Komplexen, die sich auch im Erwachsenenalter fortsetzen. Die Betroffenen sind unsicher, wissen sich im sozialen Umfeld nicht richtig zu bewegen.

Amokläufer leiden häufig unter Gelotophobie

„Bin ich ein ungeschickter Trampel? Ich traute mir bald gar nichts mehr zu, denn tatsächlich wurde ich wirklich immer verkrampfter und komischer“ – eine typische Aussage einer Betroffenen, die beschreibt, wie sich Gelotophobiker fühlen. „Die Patienten sehen teilweise aus wie Marionetten, weil sie sich so verkrampft bewegen“, erklärt Titze. Im Fachjargon auch als Pinocchio-Komplex bezeichnet. Es ist die Angst, sich ständig und überall lächerlich zu machen, doch gerade dieses Versteinerte, Steife wirkt auf Mitmenschen unfreiwillig komisch. Ein Teufelskreis beginnt.

Betroffene isolieren sich immer mehr, wodurch das „Komisch sein“ noch weiter verstärkt wird. „Wir haben Hinweise aus der Mobbing-Forschung, dass auch Amokläufer gehäuft unter einer Gelotophobie litten“, sagt Psychologe Titze. Das Täterprofil: Oft zurückgezogene, isolierte Jugendliche, die „irgendwie komisch“ wirkten. Sie wurden meist gemobbt, ausgelacht. „Oftmals hört man nachher vom Täter, dass sie sich nie ernst genommen fühlten.“ Erst nach der Tat erlangten sie Aufmerksamkeit, konnten ihrer Rolle von dem, der immer ausgelacht wird, entkommen.

Die dunklen Seiten des Humors

Um die Angstspirale Betroffener zu durchbrechen, benutzt Titze in seinen Therapiestunden das „Humordrama”. In Rollenspielen müssen die Patienten wie Clowns alles tun, um ganz bewusst komisch zu sein. „Eigene Fehler sollen dann überspitzt vor den anderen Patienten dargestellt werden”, sagt Titze. Das helfe, zu seiner eigenen Persönlichkeit Abstand zu gewinnen und die Kontrolle wiederzuerlangen.

Nicht viele Humorforscher befassen sich auch mit der „dunklen Seite“ des Humors. Die Öffentlichkeit geht meistens auf die heilende Wirkung des Lachens ein, was durch viele Studien belegt ist. Die Ursache des Lachens ist aber nicht immer gut. „Meistens gehen Stärke und Macht mit dem Lachen einher“, so Michael Titze. Nicht umsonst zeige man seinem Gegenüber beim Lachen die Zähne. Und auch die hohe Lautstärke zeuge von typisch aggressivem Verhalten.

Mit Humor kann man sich betäuben

Der Blick in die Tierwelt bietet weitere Erklärungen: „Unsere nächsten Verwandten, die Affen, benutzen das Zähneblecken als Drohgebärde, um über den Gegner zu triumphieren.” Und Menschen, die über andere – in ihren Augen minderwertige Personen – lachen, verhalten sich einer Theorie der Humorforschung zufolge recht ähnlich. „Mit Humor kann man Mitleid ausschalten, man kann sich betäuben und eine Distanz schaffen, die alles relativiert”, erklärt Titze.