Geliebt und gefürchtet

London.  Erst hat er seinen Chef beleidigt, dann hat er ihn geschlagen. Deshalb hat die BBC Jeremy Clarkson rausgeschmissen, seine Sendung „Top Gear“ vorläufig abgesetzt. Seitdem gibt es Proteste, ja sogar Morddrohungen. Nicht gegen Clarkson, sondern gegen seinen Chef und gegen mögliche Nachfolger. Der Entlassene kann sich dagegen vor Jobangeboten kaum retten. Was man vielleicht nur verstehen kann, wenn man Clarkson und seine Sendung kennt, die als erfolgreichste TV-Show der Welt gilt.

Ganz sachlich gesehen war „Top Gear“ ein Automagazin der BBC. Aber eigentlich war es Comedy rund ums Auto. Eine Mischung aus nicht sehr feinem, aber sehr schwarzem britischen Humor, Slapstick und schierem Unsinn. Nichts war Clarkson heilig, vor allem nicht das Auto, das er gerade testete. Wenn man dabei überhaupt von „testen“ sprechen konnte. Mal traten er und seine Co-Moderatoren Richard Hammond und James May zu Wettrennen gegen Schnellzüge oder startende Düsenjets an, mal fuhren sie zum Nordpol oder mit umgebauten Autos durch den Ärmelkanal. Und dann wieder prüften sie Karossen auf ih­re Mafia-Tauglichkeit und stopften dicke Statisten als vermeintliche Mordopfer in Kofferräume.

Das war schräg, es war aber auch erfolgreich. In 214 Ländern empfangbar, schalteten zuletzt jede Woche bis zu 350 Millionen Zuschauer ein, wenn das Trio weder sich noch das ihm anvertraute Material schonte (in Deutschland bei DMax und RTL Nitro zu sehen). So hätte es wohl noch lange weitergehen können, wenn Mr. Clarkson den Bogen nicht überspannt hätte.

Ärger hatte der Hauptrepräsentant der Bleifußfraktion schon öfter. Ökologen klagen, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis ein Hang in den schottischen Highlands so aussehen wird wie vor einer Clarkson-Testfahrt. Überhaupt ist Umweltschutz ein Fremdwort für den bestbezahlten Moderator des Königreiches, der daherkommt wie eine Mischung aus Harald Schmidt und Dieter Bohlen.

Und mit dem Begriff „politisch korrekt“ kann er auch nicht viel anfangen. Zoten über Minderheiten, Machosprüche, die Missachtung von Verkehrsegeln und Lästereien über Politiker. Berühmt-berüchtigt ist der Brite jedenfalls dafür, dass er im Vorbeigehen so ziemlich jeden beleidigt, der ihm gerade einfällt. Autos ebenso wie Menschen.

Der eine Viertelmillion Euro teure Sportwagen ist schlichtweg „Mist“, Trucker sind „Prostituiertenmörder“, Mexikaner „faul, nutzlos und aufgeblasen“ und Vorsetzte „alles Bastarde“. Ja, selbst Sportidole bekommen ihr Fett weg. „Wenn alle Geschöpfe auf der Erde gleich groß wären, hätte der Hummer das kleinste Gehirn. Heißt es. Aber dann kam Wayne Rooney.“ „Clarksonismen“ nennen die Briten solche Sprüche mittlerweile.

Viele davon müssen zu hören gewesen sein, an einem Abend vor einigen Wochen. Gut 20 Minuten lang, so haben es jedenfalls britische Zeitungen recherchiert, hat Clarkson da seinen Produzenten beschimpft, dann hat er ihn ins Gesicht geschlagen. Weil es nach ei­nem langen Drehtag statt eines warmen Steaks nur eine kalte Fleischplatte gab.

Das war selbst für die geduldige BBC zu viel. Erst suspendierte sie Clarkson, dann kündigten sie seinen Vertrag. Die Fans, glaubte man beim Sender, würden das wohl verstehen, die Show könne ja auch ohne ihn weitergehen. Das eine ist falsch, das andere ungewiss. Binnen weniger Tage unterschrieben eine Million Menschen eine Petition für Clarksons Rückkehr. Die Delegation, die das Schreiben zum Sender brachte, kam in ei­nem Panzer. Als die Forderung ungehört blieb, drohten Unbekannte sowohl dem BBC-Generaldirektor Tony Hall als auch der als Clarkson-Nachfolgerin gehandelten BBC-Moderatorin Sue Perkins mit Mord.

Viele Sender sind an einer Verpflichtung interessiert

Ohnehin wird ein neues Gesicht nicht reichen. Denn auch die Co-Moderatoren Richard Hammond und James May haben mittlerweile angekündigt, die BBC-Show aus Solidarität zu verlassen. Das Ganze sei „eine Tragödie“, aber die drei seien „immer ein Paket“ gewesen.

Arbeitslosigkeit droht dem Trio nicht. „Wir könnten an anderer Stelle zurückkommen“, hat Clarkson vor wenigen Tagen gesagt und damit wohl nicht das Angebot des russischen Militärsenders „Zvezda“ gemeint, Panzer zu testen. Stattdessen verdichten sich die Gerüchte, dass sie ins Internet abwandern könnten, um dort Ähnliches unter anderem Namen zu machen. Angeblich gibt es ein Angebot des Videodienstes Netflix. Auch andere Sender sind an einer Verpflichtung interessiert. Denn mit Top Gear machte die BBC knapp 70 Millionen Euro Gewinn. Jedes Jahr.

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