Gefangen von der Vergangenheit

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Essen. Frank Renger war einer der Attentäter, die während der WM 1998 den französischen Gendarmen Daniel Nivel zusammenschlugen. Der Ex-Hooligan arbeitet heute als Betreuer bei TuRa 1886 Essen. Der Überfall hat Nivels Leben für immer verändert - und Rengers auch.

Manchmal nennen ihn die Leute auf dem Fußballplatz noch immer „Samurai”. Wenn Frank Renger die Spielerkabine verlässt, den jungen Männern in den roten Trikots noch einmal auf die Schulter klopft. Wenn er die umherliegenden Bälle einsammelt und danach als Linienrichter aushilft. Also immer dann, wenn Frank Renger als Betreuer des Essener B-Kreisligisten TuRa 1886 tätig ist. Doch „Samurai” – das ist ein Spitzname aus vergangenen Tagen. Aus dunklen Tagen. Ein Überbleibsel jener Zeiten, in denen mehrere Leben für immer verändert wurden. Das des französischen Gendarmen Daniel Nivel, der sich von den Schlägen seiner Peiniger nie mehr erholen sollte. Und das Leben eines seiner Attentäter, das des Hooligans Frank Renger.

21. Juni 1998: Fußball-WM in Frankreich, Deutschland spielt in Lens gegen Jugoslawien. Deutsche Randalierer prügeln sich bereits mit der Polizei. Auch Renger und seine Freunde sind gekommen, um sich zu schlagen. Renger: „Es hieß, da wären Engländer am Stadion, um sich mit den Deutschen zu messen. Da sind wir losmarschiert.”

Immer wieder läuft er an der Seitenlinie des Ascheplatzes auf und ab

Marschieren, das tut der 41-Jährige auch heute. Immer wieder läuft er an der Seitenlinie des Ascheplatzes auf und ab. TuRa spielt gegen den FC Alanya, Nachbarschaftsduell im Stadtteil Altendorf. Renger trägt Jeans und ein weißes Polohemd, die Sonnenbrille hat er lässig nach hinten geschoben. Euphorisiert beobachtet er das Spiel, feuert sein Team an, ballt die Fäuste, klatscht die Hände bei sehenswerten Chancen kräftig ineinander. „Komm Sven, komm”, ruft er. Das „Mach' schon Fabi” wiederum ist fast ein Flehen. Doch schon das nächste Zuspiel lässt ihn gleich wieder fasziniert nach vorne springen, lautstark „Los Miguel!” brüllen. Um wichtige Punkte gehe es heute allerdings nicht mehr, meint Renger abwinkend. Schon vor zwei Wochen hat TuRa vorzeitig den Aufstieg in die A-Liga besiegelt. Ein toller Erfolg für die Mannschaft und den Verein. Und Renger ist ein Teil davon.

Das Stadion in Lens wird Frank Renger nie erreichen. Stattdessen finden er und seine Begleiter sich vor einer Polizeiblockade wieder. Und die Lage eskaliert. Renger ist zu diesem Zeitpunkt längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Schalke-Fan gehört der berüchtigten Gelsenszene an, er hat in Kämpfen Zähne eingebüßt und blaue Augen kassiert. Nun befindet er sich erneut inmitten einer Prügelei. Und tritt zu. In einen Mann, der bereits am Boden liegt.

Ein Mann, der die Zuschauer freundlich begrüßt

Sieht man Renger heute auf dem Fußballplatz, erblickt man einen Mann, der die Zuschauer freundlich begrüßt. Ein Handschlag hier, eine Umarmung dort, den Kindern der Mitspieler tätschelt er die Wange. Hier ist Renger bekannt, hier wird Renger für seine Arbeit geschätzt. Hier hat man Renger und seine Vergangenheit akzeptiert. „Eine zweite Chance hat jeder verdient”, sagt TuRa-Vorstandsmitglied Dirk Kastner. „Hier gibt es keine Hooligans, er hat bei uns mit dieser Klientel keine Berührungspunkte.” Natürlich waren sie beim Turn- und Rasensportverein geschockt, als der Mann, der sich gerade in seine Rolle des Betreuers hineinarbeitete, sich als eben jener Frank Renger entpuppte, den Kanzler Kohl einst als „nationale Schande” bezeichnete. Doch auch Trainer Michael Cassola sagt: „Mit der Zeit war das einfach kein Thema mehr. Als einmal Krawall drohte, hat er sich sofort abgewendet.”

Der Mann auf dem Boden ist Daniel Nivel. Ein französischer Polizist. Rund zehn Hooligans haben ihn zu Boden gezerrt. Mehr als eine Minute lang prügeln und treten sie auf ihn ein, einer schlägt gar mit einem Gewehraufsatz zu. Auch Frank Renger tritt. Zweimal. Daniel Nivel wird sechs Wochen im Koma liegen, wird sich von den Kopfverletzungen nicht mehr erholen. Auf einem Auge wird er blind bleiben, er wird nicht mehr richtig sprechen können.

Dreimal wöchentlich begibt sich Renger „auf TuRa”. Als Betreuer ist er hier das „Mädchen für alles”. Immer wieder erzählt er seine Geschichte, sieht sich fast als eine Art Botschafter: „Ich weiß, wie schnell eine falsche Entscheidung Leben verändern kann.”

Renger flieht nach Deutschland. Doch es gibt Fotos von der Attacke, wenig später steht die Polizei vor der Tür des zweifachen Familienvaters. Er wird zu fünf Jahren Haft verurteilt, seine Frau lässt sich von ihm scheiden. Sein Leben scheint ihm aus den Fingern geglitten zu sein.

Seit einem Jahr lebt Frank Renger in einer neuen Beziehung, ab Juni wird er wieder als Bäcker arbeiten. Den Job hat ihm TuRa vermittelt. „Ich habe dem Verein viel zu verdanken. Sie haben mir geholfen, mein Leben komplett umzukrempeln. Sie lassen die Vergangenheit ruhen.”

 
 

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