Fußgänger mit Handys überschätzen sich selbst im Verkehr

Die "Generation Smartphone" lebt gefährlich - auch auf dem Geweg.
Die "Generation Smartphone" lebt gefährlich - auch auf dem Geweg.
Foto: dpa
Wer im Laufen seine Mails checkt, lebt im Straßenverkehr riskant. Darauf weisen Wiesbadener Studenten hin. Doch noch sieht die Polizei keinen Grund für strengere Regeln.

Wiesbaden. Neulich im Straßenverkehr: "Bing!" macht das Smartphone, eine neue Nachricht! Schnell einen Blick darauf werfen - oder besser nicht? Wer als Autofahrer am Steuer das Handy nutzt, riskiert 60 Euro Bußgeld und einen Punkt in Flensburg. Wenn Radfahrer das gefährliche Kunststück fertigbringen, zu fahren und zu telefonieren, sind immerhin 25 Euro fällig. Fußgänger mit Blick aufs Smartphone kommen bislang ohne Punkt oder Bußgeld davon, doch auch für sie gilt: Unaufmerksamkeit im Verkehr kann sie und andere in Gefahr bringen. In Wiesbaden haben Studenten zu erforschen versucht, wie gefährlich die "Generation Kopf unten" lebt.

Nach unten starren und tippen: In den USA wird dieses Phänomen "disctracted walking" (abgelenktes Laufen) genannt. Die Nutzung von Apps, Mails und Messengern verlagert die Aufmerksamkeit überall hin - nur nicht auf das Geräusch des nahenden Autos oder auf die Fußgängerampel, die gerade auf Rot gesprungen ist.

Handyablenkung vergleichbar mit 0,8 Promille

Noch fehlen genaue Statistiken, wieviele Verkehrsunfälle durch Handynutzung verursacht werden. Die kanadischen Forscher Donald Redelmeier und Robert Tibshirani ermittelten für Autofahrer ein vierfach höheres Unfallriskio, die Ablenkung gleiche einem Trunkenheitszustand von 0,8 Promille. Aber kaum jemand gibt zu, dass er abgelenkt war. "Auch wenn verunglückte Personen schon genau angeben sollten, wie der Unfall passiert ist, kann es natürlich sein, dass die Ablenkung durch das Handy einfach nicht kommuniziert wird", sagt Susanne Schiering-Rosch vom St. Josefs-Hospital in Wiesbaden.

Auch die angehenden Betriebswirte der Hochschule RheinMain bekamen bei ihrer Feldstudie "Regelkonformes Verkehrsverhalten in Wiesbaden" keine Unfälle zu sehen. Sie versuchten aber, das Unfallpotenzial zu ermitteln. In zwei Monaten Beobachtung stellten Fotini Tzavala, Christian Reusch, Steven Karg, Ole Schmidt und Benjamin Sunde fest, dass 16 Prozent der Fußgänger im Straßenverkehr ihr Handy nutzen.

"In einer anschließenden Befragung stellte sich heraus, dass sie die Gefahr durch solches Verhalten allgemein als hoch einschätzten", sagt Studentin Tzavala. Das eigene Risiko stuften die Fußgänger aber geringer ein. "Sie überschätzten unserer Meinung nach ihre eigene Umsichtigkeit."

Viele haben selbst gefährliche Situationen erlebt

Die meisten Befragten nutzten das Smartphone unterwegs zur schriftlichen Kommunikation und zur Unterhaltung (Videos, Musik). Besonders interessant: Mehr als ein Drittel gab an, durch ihr Verhalten mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten in eine gefährliche Situation geraten zu sein.

"Die Betrachtung des Bildschirms und das Tippen darauf gefährdet die Nutzer, vor allem auf belebten Bürgersteigen und in der Nähe stark befahrener Straßen", bilanziert der Betreuer der Studie, Prof. Bernhard Heidel vom Lehrstuhl für Marketingforschung und Statistik. Verkehrspolitiker und -Juristen sollten überlegen, diesen Sachverhalt in ausgewiesenen Zonen als Ordnungswidrigkeit einzustufen.

Das ist aber bereits die Rechtslage, wie der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) sagt. "Handys können insbesondere im Straßenverkehr zur Entstehung von Gefahrensituationen beitragen." Auch Fußgänger seien zu Vorsicht und Rücksichtnahme verpflichtet. "Belästigen, behindern, gefährden oder schädigen sie hierdurch andere Verkehrsteilnehmer, begehen sie ebenfalls eine Ordnungswidrigkeit."

Bußgelder für Fußgänger nicht umsetzbar

Weitere rechtliche Einschränkungen halten Hessen und die anderen Länder nicht für nötig. Vielmehr gehe es darum, ein individuelles Bewusstsein für die Gefahr zu schärfen und einen verantwortungsvollen Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln zu kultivieren, sagt Beuth. Immerhin setzt die hessische Polizei bereits auf Prävention. Gerade die jüngere Zielgruppe soll sensibilisiert werden.

Die Deutsche Verkehrswacht und der Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS e.V.) halten Bußgelder für Fußgänger wegen Handynutzung nicht für umsetzbar. Stefan Lieb vom FUSS-Vorstand fordert stattdessen mehr Aufklärung über die Gefahren. Halten andere Länder andere Lösungen bereit? Im handy-verrückten China hat die Metropole Chongqing einen Gehweg für Fußgänger mit Smartphone eingerichtet. Mit 50 Metern Länge ist er aber knapp bemessen. Viel Strecke zum Simsen bleibt nicht. (dpa)

 
 

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