Französische Gewerkschafter drohen mit gewaltsamem Protest

Gewaltbereit: Der Gewerkschaftsführer Gabriel Gawin.
Gewaltbereit: Der Gewerkschaftsführer Gabriel Gawin.
Foto: Getty Images
Der Abwärtsstrudel hat Frankreich, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht Europas, fest im Griff. 3,17 Millionen Menschen sind arbeitslos. Und dem französischen Industrieministerium soll eine Liste mit 2000 Firmen vorliegen, die vor dem Konkurs stehen. Gewerkschafter signalieren Gewaltbereitschaft.

Vaux.. Hohe Flammen schlagen vorm Werkstor aus den aufgetürmten Reifen und Euro-Paletten. Die Belegschaft der Gießerei in Vaux bei Vichy kämpft seit Wochen gegen die drohende Schließung. Die Stimmung im Werk ist buchstäblich bombig. Gabriel Gawin, der Gewerkschaftsführer, deutet auf die 14 grünen Propangasflaschen, die sie mit Drähten und Zündern versehen haben. „Macht die Firma dicht, geht das ganze Werk in die Luft“, drohen sie.

Mit den selbst gebastelten Sprengsätzen sorgt die Gewerkschaft landesweit für Aufmerksamkeit. Es ist ein verzweifelter Hilfeschrei. Vor ein paar Jahren, als es bei dem Automobilzulieferer noch brummte, da waren sie über 800. Übrig geblieben sind davon gerade einmal 168. Ein neuer Investor möge so viele Stellen wie möglich erhalten, fordern die Männer. Wer gehen müsse, möge 50.000 Euro Abfindung erhalten. Woher das Geld kommen soll, weiß keiner.

Von der boomenden Luxusindustrie abgesehen wächst die Verzweiflung in französischen Betrieben. Der Abwärtsstrudel hat die zweitgrößte Wirtschaftsmacht Europas fest im Griff. Peugeot- Citroën streicht 8000 Jobs, Renault 8200. Die Arbeitslosigkeit erreicht ständig neue Rekordwerte, neuerdings sind 3,17 Millionen erwerbslos. Statt Wachstum und Zuversicht herrschen Stillstand und Resignation.

Pleiten und Absatzeinbrüche, Massenentlassungen und Sozialpläne

In Aulnay-sous-Bois bei Paris, wo der taumelnde Autoriese Peugeot-Citroën 2014 sein Traditionswerk mit über 3000 Beschäftigten schließen wird, ist die Stimmung schon seit Monaten explosiv. Mal lassen streikende Arbeiter Mobiliar zu Bruch gehen, dann bewerfen sie Arbeitswillige mit Eiern und Schrauben.

Die sich häufenden Hiobsbotschaften handeln stets von Pleiten und Absatzeinbrüchen, von Massenentlassungen und Sozialplänen. Dem Industrieministerium soll eine schwarze Liste von 2000 Firmen vorliegen, die vor dem Konkurs stehen.

Damit Frankreich nicht absteigt zum kranken Mann Europas, ist eine Modernisierung der Sozialsysteme dringend vonnöten. Erforderlich sind Strukturreformen im Stil der Agenda 2010, die die dramatisch eingebüßte Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft verbessern. Das wiederum setzt kompromissbereite Tarifpartner voraus. Doch Errungenschaften wie Tarifautonomie und Mitbestimmung - in Deutschland gang und gäbe - sind in Frankreich Fremdworte. Gerade deshalb wurde der im Januar nach Monate langem zähen Ringen von Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelte „flexisécurité“-Kompromiss als „historisch“ gefeiert. Auch Staatspräsident François Hollande triumphierte, schließlich hatte er die beiden Lager an den Verhandlungstisch geholt.

Protestmärsche gegen den „Kompromiss der Schande“

Die Abmachung soll Unternehmern künftig mehr Flexibilität bescheren, indem sie in einer Krise Arbeitszeiten und Löhne senken sowie Mitarbeiter innerhalb der Firma einfacher versetzen können. Eine französische Spezialität: Aus Angst, mit einer Flut langwieriger Arbeitsgerichtsklagen überzogen zu werden, sind nur noch die allerwenigsten Chefs bereit, langfristige Arbeitsverträge abzuschließen. Acht von zehn Verträgen sind inzwischen befristet, manchmal sogar nur für einen Monat. Im Gegenzug wollen sich die Arbeitgeber nun verpflichten, die soziale Absicherung ihrer befristeten Mitarbeiter zu erhöhen, etwa durch eine verbesserte Krankenversicherung und höhere Sozialabgaben.

Wie brüchig der „historische“ Kompromiss jedoch ist, zeigt sich in diesen Tagen. Denn die kommunistisch orientierte Gewerkschaft CGT und die ebenfalls klassenkämpferische „Force Ouvrière“ (FO) lehnen das von drei moderaten Gewerkschaften ausgehandelte Papier kategorisch ab. Ehe die Regierung die Gesetzesinitiative an diesem Mittwoch auf den parlamentarischen Weg bringt, riefen CGT und FO am Dienstag in 174 Städten zu Protestmärschen gegen den „Kompromiss der Schande“ auf.

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