Forscher: "Deutsche Männer können sich nicht mehr prügeln"

Deutsche können nicht mit Gewalt umgehen, das habe die Kölner Silvesternacht gezeigt, so ein Forscher. Was ist dran an der provokanten These?

Köln. Deutsche Männer können sich nicht mehr prügeln. Das sagt der Berliner Gewaltforscher Jörg Baberowski - und entwirft eine provokante These: "Wir sehen, dass Männer in Deutschland gar nicht mehr wissen, wie man mit Gewalt umgeht", so der Wissenschaftler beim Philosophie-Festival "Phil.Cologne" in Köln. Das sei in der Kölner Silvesternacht deutlich geworden: Weil deutsche Männer auf das Gewaltmonopol des Staates vertrauten, seien sie in Situationen, wie sie sich am Bahnhofsvorplatz abgespielt haben, hilflos. Dass die Polizei nur unzureichend eingegriffen habe, habe das Vertrauen mancher Bürger in den Staat erschüttert.

Peter Sitzer vom Institut für Gewaltforschung der Uni Bielefeld findet die Aussage "arg zugespitzt" und warnt, die falschen Schlüsse daraus zu ziehen. "Wenn alle vor dem Kölner Hauptbahnhof mit Gewalt reagiert hätten, dann hätte das die Situation vermutlich noch verschlimmert. Mal abgesehen davon, dass die Opfer ja komplett in der Unterzahl waren." Auch störe er sich an der Formulierung "deutsche Männer". "Konflikte nicht sofort mit Gewalt zu lösen, ist ja nicht nur hier verpönt. Das ist ja ein wichtiger Wert mindestens der meisten westlichen Gesellschaften, den wir bei allen, die hier leben, voraussetzen möchten", so Sitzer.

"Für einige war Köln das Signal: Die Polizei hat versagt"

In manchen Punkten könne er Baberowskis Argumentation aber nachvollziehen: "Für einige war Köln das Signal: Die Polizei hat komplett versagt", sagt er. Dabei dürfe man die Ereignisse aus der Silvesternacht nicht überbewerten: "So dramatisch das natürlich vor allem für die, die dort waren, gewesen ist, muss man auch sagen: Das war ein einzelnes Ereignis." Dennoch sei bei manchen das Vertrauen in den Staat seitdem angegriffen. "Das Schlimme ist ja auch, dass dieses Ereignis von rechtsextremen Kräften ausgeschlachtet wird."

Die öffentliche Debatte sei seit Köln stark gekippt. "Zuvor wurde auch in den Medien häufiger positiv über das Flüchtlingsthema berichtet. Jetzt wird, so scheint es mir, vermehrt auf Probleme geschaut, die es sicherlich auch gibt." Für die Medien sei das ein Problem: "Entweder sie werden als Lügenpresse beschimpft, oder aber sie geben Rechtspopulisten indirekt Werkzeuge für ihre Hetze." (pen)

 
 

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