Falsches Gerücht: Senioren sollten Flüchtlingen weichen

Werden in Drove im Kreis Düren Senioren aus einem Heim geworfen, damit Flüchtlinge einziehen können?
Werden in Drove im Kreis Düren Senioren aus einem Heim geworfen, damit Flüchtlinge einziehen können?
Foto: dpa
Diese Meldung macht bei Facebook die Runde: Um Flüchtlingen Platz zu machen, werden Senioren aus einem Heim geworfen. Das Problem: Sie ist unwahr.

Essen/Düren. Entrüstung ob dieser Nachricht: Ein 86-Jähriger wird aus einem Seniorenheim im Kreis Düren geworfen, damit Flüchtlinge in seine Wohnung ziehen können. Dutzende weitere alte Menschen teilen das Schicksal des alten Mannes - so jedenfalls stand es in einem Facebook-Beitrag der Tochter des 86-Jährigen.

Binnen kurzer Zeit wird der Post über 50.000 mal geteilt. "Ich glaub ich fall vom Glauben ab. In welchem Land lebe ich hier", beginnt die Tochter ihren Beitrag. Und weiter: "Er und alle anderen Mieter und auch das angrenzende Altenheim sollen in einem Monat ausgezogen sein was schon eine Frechheit ist und dann dürft Ihr raten warum. Ab Januar sollen dort 300 Flüchtlinge untergebracht werden. (...) Ich sag nur schämt euch teilen erwünscht."

Facebook-Eintrag suggeriert falschen Grund

Und in der Tat müssen die Bewohner das Heim verlassen - tragisch genug. Allerdings ist der Grund dafür ein gänzlich anderer, als der Facebook-Eintrag suggeriert. Die SWH Betreuungseinrichtungen für Wohnen und Pflege hätten ohnehin schließen müssen. "Ich bin entsetzt, dass es jetzt so dargestellt wird", sagte Linda Hawig von der Betreiberfamilie unserer Redaktion: Aus privaten Gründen könne die Familie das Heim nicht mehr fortführen. So bestätigt es auch auf Anfrage die Presssestelle der Bezirksregierung Köln, die in den Gebäuden Flüchtlinge unterbringen wird.

Heimleiter Hans-Jürgen Hawig wurde im Sommer bei einem Unfall schwer verletzt, wie Tochter Linda Hawig sagt. Vor zwei Wochen habe die Familie erfahren, dass eine weitere Operation nötig wird und er dauerhaft arbeitsunfähig sein wird. Ein Schicksalschlag, der den Familienbetrieb zur Aufgabe zwinge. Man sei sich auch bewusst, dass das für viele Bewohner eine sehr schwierige Situation sei. "Wir stehen deshalb mit anderen aufnahmebereiten Einrichtungen in engem Kontakt. Es ist selbstverständlich, dass wir auch bei der Organisation des Umzugs oder bei Behörden helfen."

Suche nach anderem Betreiber erfolglos

Die Familie habe auch ohne Erfolg nach einem anderen Betreiber gesucht, der die Einrichtung hätte fortführen können. Das sei aber problematisch: "Teile des Areals stehen unter Denkmalschutz, die mittelfristig einen Betrieb als Pflegeeinrichtung nicht mehr möglich machen."

Für die Bezirksregierung Köln kam das Angebot wie gerufen: "Aufgrund der kleinen Gebäudeeinheiten eignet sich die Einrichtung besonders zur Unterbringung besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge", so eine Sprecherin gegenüber unserer Redaktion. Das leere Gebäude soll dann ab Januar neu genutzt werden: Als Unterkunft für 300 Flüchtlinge.

Gabi N. hat das vielleicht inzwischen auch erfahren und ihr Posting möglicherweise deshalb gelöscht. Auf eine Anfrage unserer Redaktion hat sie nicht reagiert.

Auch die Initiative gegen Internetmissbrauch "Mimikama" hatte über den Facebook-Post berichtet. (pen/law)

 
 

EURE FAVORITEN