Fall Peggy: DNA führt zur NSU

Kerstin Münstermann und Oliver Stöwing

Lichtenberg.  Im Fall der getöteten Peggy deutet sich eine spektakuläre Wende an: Am Fundort der Leiche des vor mehr als 15 Jahren verschwundenen und getöteten Mädchens sind DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden. Das teilten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstagabend mit. Damit führt die Spur zu dem rechtsradikalen Trio der mutmaßlichen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) – Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Die „Bild“-Zeitung hatte als erste über diese Wende berichtet.

Peggys Überreste wurden erst nach 15 Jahren gefunden

„In welchem Zusammenhang diese DNA-Spur gesetzt wurde, wo sie entstanden ist und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy K. steht, bedarf weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen, die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen“, hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei Oberfranken. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks wurde die Gen-Spur auf einem Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels gefunden. Der Stoff lag offenbar in der Nähe von Peggys Knochen, aber nicht direkt an der Leiche.

Neben dem Generalbundesanwalt seien auch das Bundeskriminalamt, das bayerische Landeskriminalamt und die thüringische Polizei in die Ermittlungen eingebunden.

Peggys Tod ist einer der größten ungelösten Kriminalfälle in Deutschland. Die neunjährige Schülerin aus dem oberfränkischen Lichtenberg war am 7. Mai 2001 nicht von der Schule nach Hause gekommen. Wochenlange Suchaktionen blieben erfolglos, obwohl innerhalb von Monaten Tausende Hinweise bei der Polizei eingegangen waren.

Nach drei Monaten nahm die Polizei einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt damals an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben. Vor dem Landgericht Hof beginnt im Oktober 2003 der Prozess, Ende April 2004 wird der geistig behinderte Mann wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt. Rund zehn Jahre später wird der Mann freigesprochen. Ein wichtiger Belastungszeuge hatte seine Aussage widerrufen und die Ermittlungsbehörden schwer belastet. Erst Anfang Juli 2016 fand ein Pilzsammler in einem Wald im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Bayern Knochen des Mädchens. Daraufhin suchten Hundertschaften der Polizei das Waldgebiet sowie Straßen zwischen Peggys Heimatort und dem Fundort im 15 Kilometer entfernten Saale-Orla-Kreis nach Spuren ab.

Kinderschuh und Spielzeug in einem Campingwagen

Nie war bisher eine Verbindung zu der Mordserie der NSU-Terrorgruppe gezogen worden. Die Neonazis waren 1998 abgetaucht und lebten bis November 2011 im Untergrund – Böhnhardt nahm sich mit seinem Komplizen Uwe Mundlos im November 2011 das Leben. Zschäpe stellte sich kurz darauf der Polizei in Jena. In dem Camper, in dem das Trio auf der Flucht war, fanden die Ermittler damals auch Kinderspielzeug: einen Teddy, eine Wasserpistole, eine Plastikpuppe, ein „Winnie the Pooh“-Buch und einen Schuh in der Kindergröße 33. Die Herkunft der Gegenstände konnte von der Polizei bis heute nicht geklärt werden. Sie geben bis heute Rätsel auf.

Während der Ermittlungen gegen die NSU geriet laut „Bild“ auch ein Mann ins Visier, der 2014 unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Förderung von Prostitution 66 Fällen zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Der Mann soll früher ein Freund von Uwe Böhnhardt gewesen sein.

Mehrere Mitglieder des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses reagierten entsetzt auf die Nachricht vom Fund von DNA-Spuren. Die Linke-Obfrau des Ausschusses, Katharina König, forderte, nun müsse es einen Abgleich der DNA von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit allen ungeklärten Fällen geben, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien.