Experte: Dumpingpreise drücken Löhne im Rettungsdienst

Ein Rettungswagen der Johanniter Unfallhilfe bei einem Einsatz in Berlin. Johanniter-Vorstand Jörg Lüssem warnt vor einem Unterbietungswettbewerb im Rettungsdienst.
Ein Rettungswagen der Johanniter Unfallhilfe bei einem Einsatz in Berlin. Johanniter-Vorstand Jörg Lüssem warnt vor einem Unterbietungswettbewerb im Rettungsdienst.
Foto: imago stock&people / imago/snapshot
Sie sind Hoffnungsträger, Lebensretter – und verdienen mies. Rettungsdienst-Mitarbeitern drohen weitere Einbußen, warnt ein Experte.

Dresden.  Dumpingpreise beim Rettungsdienst, weniger Aufträge für Organisationen, bei denen die Helfer ordentlich bezahlt werden? Die Johanniter-Unfall-Hilfe beklagt die Entwicklung. Das Lohnniveau habe sich „teilweise spürbar nach unten entwickelt“.

Das sagte Bundesvorstand Jörg Lüssem am Rande der Fachmesse „Florian“ für Feuerwehr, Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland in Dresden. Die Johanniter verlören mit ihrer angemessenen Vergütung Aufträge an Mitbewerber, die ihren Mitarbeitern weniger zahlten. Personalkosten machten einen Anteil von mehr als 80 Prozent an den Kosten für die Rettungseinsätze aus, Dumpingpreise führten zu einer Abwärtsspirale.

Tobias Schlegl verschaffte Job Aufmerksamkeit

Der ungewöhnliche Jobwechsel von „Extra3“- und Aspekte-Moderator Tobias Schlegl hatte im Sommer 2016 die Arbeit im Rettungsdienst zu einem größeren Thema in der Öffentlichkeit gemacht. Weil er „etwas Sinnvolles“ machen will, hat er im Alter von 38 Jahren eine Ausbildung als Notfallsanitäter begonnen. Das ist ein neuer Beruf, der seit 2014 den Beruf des Notfallassistenten ablöst und mit einer ein Jahr längeren Ausbildung verbunden ist.

Die Rettungsdienste fürchten bereits einen Fachkräftemangel. Die Alterspyramide im Rettungsdienst sei vergleichbar mit anderen Berufsfeldern, so Lüssem von den Johannitern. In den kommenden Jahren würden viele ältere Mitarbeiter ausscheiden. Noch sei die Attraktivität des Berufs so gut, dass die Johanniter ihren geplanten Bedarf ausbilden könnten, wenn die Kosten dafür refinanziert seien. Künftig aber werde der Wettbewerb um Auszubildende zunehmen.

„Nach der Ausbildung 2500 Euro brutto“

Schlegl hatte vorgerechnet, in den drei Jahren Ausbildung etwa 700 bis 800 Euro brutto im Monat zu erhalten. Seit 2014 gibt es diese Ausbildung zum Notfallsanitäter – ohne klare Regelungen, wie hoch die im Gesetz angegebene „angemessene Ausbildungsvergütung“ sein soll.

Schlegl erklärte, er werde nach der Ausbildung etwa 2500 Euro brutto verdienen. „Zeigt wieder, dass viele gesellschaftlich relevante Jobs ziemlich unangemessen bezahlt werden“, sagte er in einem Interview mit dem Stern. „In sozialen Jobs muss man eben Abstriche machen. Großes Gehalt plus großer Sinn plus eine Prise Ruhm – einen Job mit der Kombination gibt es einfach nicht.“ Schlegl erhielt bei 200 Bewerbungen einen der fünf ausgeschriebenen Ausbildungsplätze beim Roten Kreuz. Er postet auf Twitter immer wieder mal Fotos.

Ende September retweetete Schlegl einen ZDF-Beitrag über Rettungsdienste, der den Alltag eines Rettungssanitäters vorstellte: „Zwölf-Stunden-Dienste, schlechte Bezahlung und mitunter mangelnde Wertschätzung.“ Schlegls Kommentar: „Irgendwie kommt mir das n bisschen bekannt vor....“ Das Fachmagazin „Rettungsdienst“ hat recherchiert, dass es zum Jahresende rund 13.300 Notfallsanitäter in Deutschland geben wird.

Johanniter-Vorstand Lüssem fordert auch mehr Engagement der Länder bei der Ausbildung von Notfallassistenten. Die Kosten für die Ausbildung müssten sich in der Vergütung der Leistungen durch Kommunen und Kostenträger niederschlagen. Dies sei noch nicht in allen Ländern der Fall. (dpa/law)

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