Ex-"Focus"-Chef Helmut Markwort spielt jetzt Theater

Helmut Markwort (l.), ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus, als Winston Churchill an der Münchener „Komödie“ am Bayrerischen Hof.
Helmut Markwort (l.), ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus, als Winston Churchill an der Münchener „Komödie“ am Bayrerischen Hof.
Foto: WAZ
Der frühere Chefredakteur des Magazins "Focus", Helmut Markwort, spielt jetzt Theater. Noch bis November steht er in München auf der Bühne – und gibt den Churchill in „King’s Speech", zusammen mit dem Schauspieler Götz Otto in der Hauptrolle. Für Markwort ein Rollenwechsel - mit Erfolg.

München. In die Münchner „Komödie“ geht man nur aus einem Grund: Man will sich amüsieren. Der Herr mit Uhrkette, die Dame in Apricot – ein Piccolo, und dann soll gelacht werden. Doch heute wird „King’s Speech“ gegeben. Eine Tragödie ist das ja fast, dieser Überlebenskampf eines Mannes, der König sein soll, aber stottert.

Die Verfilmung des Theaterstücks mit Colin Firth als sprachgestörtem König Georg VI war ein Ereignis. In München steht Götz Otto auf der Bühne. Die Fallhöhe ist groß. Doch Otto macht es gut. So gut, dass wirklich keiner lacht. „Endlich“, sagt eine Dame, „da kommt der Churchill wieder.“

Endlich. Sie muss sich eine Lachträne wegwischen, geradeso, als ob der kleine knubbelige Mann auf der Bühne in Unterhosen aufgetreten wäre. Soweit würde Churchill nicht gehen, aber die Pointen sind schon süffig. Helmut Markwort spielt den mächtigen Staatsmann Winston Churchill. Vielleicht, weil er kein gelernter Schauspieler ist, sondern Journalist, nimmt er es besonders ernst. Manchmal ist es so, als vertraue er den Worten nicht. Dann klopft er extra mit dem Stock auf den Boden, führt seine Zigarre eine Spur zu deutlich vor. Doch dem Publikum ist das nicht zu dick aufgetragen.

Markwort wickelt die Zuschauer mit Leichtigkeit ein

Der ehemalige Focus-Chefredakteur hat sich reichlich verkleiden lassen für die Rolle. Aber egal, welche Plattfrisur er auch hat – Markwort bleibt Markwort. Er spielt im selben Stück auch noch den Vater des Königs. Auch ein Sympath. Selbst wenn er seinem Jungen, der sich an den Worten verschluckt, ein fieses „Spuck’s aus!“ entgegenschleudert.

Markwort wickelt die Zuschauer mit Leichtigkeit um den Finger. Dabei ist das Leichte ja bekanntlich das Schwerste. Wie ein Besessener habe er sich durch die Literatur gearbeitet, um zu denken, zu fühlen, zu handeln wie Churchill.

Ob das gelingt, ist im Grunde egal, denn Markwort hat das, was man nicht lernen kann: Autorität. Wo er agiert, scheint sich die Energie zu bündeln. Er geht nicht unter, selbst im Dunkeln sieht man ihn.

Seit 18. September, noch bis 2. November, steht Markwort Abend für Abend auf der Bühne. „Ich hatte nicht mal Zeit fürs Oktoberfest.“ Er kommt ins Theater, lässt sich schminken, tritt auf, und wartet immer wieder auf seinen Auftritt. Er spielt ja keine Hauptrolle. „Dabei geht mir so viel durch den Kopf. Auch was ich noch zu tun habe.“ Er leidet unter Lampenfieber. Und hat Angst, den Text zu vergessen. „Ich bin ja der einzige Dilettant hier.“ Man möchte ihn fragen, warum er sich das antut.

Nach dem Theater zum Italiener

Doch sobald man ihn trifft, nach der Vorstellung, oben in der Garderobe, ganz allein, da fragt man so etwas nicht mehr. Es riecht nach Puder und Schminke. „Ich bin immer der Letzte“, sagt er. Und es klingt nach Lottogewinn.

Jetzt trägt er einen dunklen Mantel, das Haar wieder voll und wallend. Er hat Hunger, wie immer nach der Vorstellung. Es geht zum Italiener. Die Körperhaltung, die Gestik – etwas Staatsmann, etwas König steckt eben immer noch drin. Man begrüßt ihn mit Handschlag. Man gibt ihm vornehm die Karte. Der König bestellt Pizza.

„Theater“, sagt er, „habe ich ja schon immer gemacht“. Als „Datterich“, als Tod im „Jedermann“. Er erzählt, als ob das immer so weiter gehen könnte. Markwort, Mitherausgeber des „Focus“, ist 76 Jahre.

Fakten-Fakten-Fakten

„Ich habe letztes Jahr Bypässe gekriegt“, sagt er. Er fasst sich an den Brustkorb, verzieht das Gesicht, und sieht dabei aus, als würde er Molières „Eingebildeten Kranken“ spielen. Ob er gerade über sich selbst lacht? Während man darüber nachdenkt, fragt er sehr direkt: „Was haben Sie eigentlich immer mit meinem Alter?“

Die Pizza ist längst gegessen. Man wundert sich, wie schnell das ging. Wie man sich oft wundert. Über seine Hände, die auffallend klein und fein sind. Über seinen Blick, der jünger, abenteuerlustiger, wilder und schelmischer ist als Blicke sonst so sind.

Markwort mag sich selbst. Und mag immer noch dieses Kult gewordene „Fakten-Fakten-Fakten“, das sogar einen Platz auf der Bühne erhielt, keck verfremdet zu „Fuck-Fuck-Fuck“. Markwort macht jeden Spaß mit. Trotzdem nimmt man ihn ernst. Für einen Schauspieler gibt es kaum Besseres.

 
 

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