Etwa 1000 Kinder gehen in Deutschland nicht zur Schule

Angelo Kelly besuchte mit seinen fünf Kindern und Ehefrau Kira die Heiligabend-Show von Carmen Nebel. Auch er ging nicht zur Schule – genau wie seine Kinder.
Angelo Kelly besuchte mit seinen fünf Kindern und Ehefrau Kira die Heiligabend-Show von Carmen Nebel. Auch er ging nicht zur Schule – genau wie seine Kinder.
Foto: Getty Images Entertainment/Getty Images
Die Zahl der sogenannten „Freilerner“ steigt bundesweit. Die Motive für den illegalen Heimunterricht sind jedoch sehr unterschiedlich.

Karlsruhe/Berlin..  Paul (11), Lisa (10) und Anna (7) aus Karlsruhe stehen wochentags zwischen 9 und 11 Uhr auf, machen sich im Schlafanzug allein Frühstück – und gehen dann auf ihre Zimmer zum Lernen. Sie lernen, was sie sich ausgesucht haben. Den Lehrplan aus Latein, Informatik bis Kleintierzucht haben sie mit ihrem Vater Rainer G. zusammengestellt. Paul, Lisa und Anna gehören zu den rund 1000 sogenannten Freilernern in Deutschland. Kinder, die von ihren Eltern zu Hause unterrichtet werden.

Heimunterricht steht in einem schlechten Ruf. Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, gelten oft als religiöse Fundamentalisten, die ihre Kinder von „Teufelszeug“ wie der Evolutionstheorie oder dem gemischten Sportunterricht fernhalten wollen.

Und so geschieht Heimunterricht auch gegen den Willen des Staates. Die Gesetzeslage ist eindeutig. In Deutschland herrscht Schulpflicht, betont der Sprecher der Kultusministerkonferenz, Torsten Heil. „Kommen die Erziehungsberechtigten dieser Pflicht nicht nach, können Bußgelder verhängt werden“, sagt Heil. Im schlimmsten Fall droht der Entzug des Sorgerechts. So wie bei dem Elternpaar Wunderlich aus der Nähe von Darmstadt, denen das Jugendamt 2013 vorübergehend ihre vier Kinder entzog. Der Heimunterricht ist daher eine Schattenwelt. Die Kinder lernen im Verborgenen.

Wie es dem dreifachen Vater Rainer G. in seinem Einzelfall gelingt, seine Kinder zu Hause zu behalten, möchte er nicht verraten, sagt aber, es gebe viele Möglichkeiten. Der Soziologe Thomas Spiegler, der für eine Studie 100 Freilerner-Familien besuchte und über ihre Absichten und ihren Alltag lernte, kennt sie. „Manche Eltern verlegen ihren offiziellen Wohnsitz ins Ausland, wieder andere klagen sich durch alle Instanzen, was meistens Jahre dauert – und dann ist die Schulzeit für das Kind oft schon beendet“, erklärt er.

Doch immer mehr Befürworter trauen sich aus dem Schatten: Schulfreibewegungen formieren sich über die sozialen Plattformen, sogar ein Festival für Freilerner ist demnächst geplant. Ihre Zahl, so sprechen die Lobbyisten der Bewegung nur inoffiziell, soll sich seit dem Jahr 2008 vervierfacht haben.

Eltern setzen auf Werte, Wissen und Wohlergehen

Soziologe Spiegler widerspricht dem Klischee, heimerziehende Eltern seien allesamt religiös verquere Eigenbrötler. „Im Rahmen meiner Studie habe ich ‚Homeschooler‘ aus sehr unterschiedlichen Bereichen kennengelernt, vom konservativ-religiös geprägten Milieu bis hin zu denen mit reformpädagogisch-alternativer Orientierung.“

Laut Spiegler könne man die Motive der Eltern auf drei Schlagworte herunterbrechen: Werte, Wissen, Wohlergehen. Vereine wie die Freilerner-Solidargemeinschaft argumentieren, dass nicht alle Kinder für die Schule geeignet seien, und wehrt sich dagegen, schulunwillige Kinder zu pathologisieren. Der Verein unterstützt Eltern, die „ein Nein ihrer Kinder akzeptieren“. Vorreiter der Freilernbewegung ist sicherlich auch der Sänger Angelo Kelly (34), Mitglied der bekannten Familie, der mit seiner Frau und den fünf Kindern von Deutschland nach Irland zog, um der deutschen Schulpflicht zu entgehen. „Ich war nicht in der Schule. Für mich war das eine gute Erfahrung“, erzählte der Vater in einer TV-Sendung. Auch für den Vater Rainer G., der Paul, Lisa und Anna zu Hause behält, spielte anfangs das Misstrauen in das Schulsystem eine Rolle. Heute stelle er immer wieder fest, dass seine Kinder besser lesen als die meisten in ihrem Alter. „Mein ältester Sohn Paul hat mit elf Jahren zum Beispiel den Klassiker ‚Herr der Fliegen‘ gelesen. Wir führen eine Liste, seitdem er neun Jahre alt ist, und kommen auf 35.000 Seiten, die er seitdem gelesen hat.“ Heutzutage, sagt der selbstständige Informatiker, gebe es hervorragendes Lehrmaterial im Internet. Von seinen Kindern verlangt er, dass sie am Vormittag ihre selbst gewählten Fächer abarbeiten, um sich dann nachmittags ihrer Freizeit oder ihren Vereinsmitgliedschaften widmen zu können.

Das Abitur kann extern abgelegt werden

Könnten seine Kinder nicht ohne Abschluss Probleme bekommen? Rainer G.: „In Deutschland kann man das Abitur per externer Prüfung machen.“ Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, hat indes für Heimunterricht kein Verständnis. „Beim Homeschooling lernen die Kinder keine andere Autoritätsperson und keinen anderen Wissensvermittler kennen als die eigenen Eltern“, sagt er.

An mangelnder Reibung und Kontakt mit außen fehle es seinem Sohn Paul nicht, ist sich Rainer G. sicher. Sein Sohn sei in acht Vereinen Mitglied, darunter Schach, Tanzen, Roboterprogrammieren.

 
 

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