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Erste Hausbesetzung vor 40 Jahren

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Foto: ddp

Köln. 

Vor 40 Jahren wurde in Deutschland das erste Haus besetzt. So aktiv wie früher ist die Szene längst nicht mehr. Das vermutlich einzige besetzte Haus in NRW steht in Köln.

Der Strom ist längst abgedreht, darum sind viele Zimmer düster. Auch heute stehen vor dem Tor wieder zwei Männer von einem Wachdienst. Wer vorbei will, wird nicht aufgehalten, be­kommt aber einen roten Zettel in die Hand gedrückt. Vom Besitzer des Gebäudes – der Savor GmbH, einer Tochter der Stadtsparkasse KölnBonn. „Hiermit untersagen wir auch Ihnen, Grundstück und Gebäude zu betreten“, steht darauf. „Wir machen auch bloß unseren Job“, kommentiert der Wachmann. Er hat gute Laune. Vermutlich gab’s schon Einsätze mit mehr Nervenkitzel. Ein paar Kinder mit Tretrollern schieben sich an ihm vorbei. Die haben ihren Warnzettel schon.

Die Sonne geht langsam unter über der ehemaligen Werkskantine in der ruhigen Seitenstraße. Drumherum prangen Graffiti an den Wänden, der eigentliche Eingang ist mit Spanholzplatten versperrt. Ein surrender Generator sorgt für Licht. Es gibt derzeit nicht viele besetzte Häuser in der Republik. In Nordrhein-Westfalen ist die Kölner Gruppe womöglich die einzige. Früher war das anders: Frankfurt, Berlin, Hamburg, Oberhausen, Düsseldorf, Aachen – viele Städte haben Besetzungswellen erlebt, vor allem in den 70er- und 80er-Jahren war die Szene aktiv.

Essener Besetzer räumten schnell

Heutzutage hält der Widerstand meist nicht lange. In Essen etwa war im Juli das DGB-Haus schon nach zwei Tagen wieder verlassen. Nicht so am Rhein: Fünf Monate ist das Gebäude in Kölns Multi-Kulti-Bezirk Kalk nun in „linker bis linksextremer“ Hand, erklärt Besetzer „Olli“.

Der Name ist erfunden. Dass er Sonderpädagoge ist und Mitte 20, verrät Olli. Mehr nicht. Denn längst ermittelt die Staatsanwaltschaft, bis jetzt gegen Unbekannt. „Die suchen die Rädelsführer, stellen Kreuzverweise her, wenn ich genauer werde“, sagt Olli und dreht sich eine Zigarette. Er schmunzelt. „Die haben immer noch nicht verstanden, dass es so etwas wie Rädelsführer bei uns gar nicht gibt.“ Die Feindbilder der Linken: Verträge und Unterschriften. Autorität. Hierarchie. Das Gebäude stand jahrelang leer. Da löst sich für sie die Vokabel „Eigentum“ in Rauch auf.

Olli nimmt einen Zug von der Zigarette. Er bleibt immer locker. Vielleicht ist er deswegen für die Presse zuständig. Das Aufregen über Politiker, Polizei und Besitzer übernimmt „Tanja“ – eine junge Mediengestalterin, die wie viele hier vor allem ihre künstlerische Ader auszuleben sucht. „Was soll das denn heißen?!“, knurrt sie misstrauisch, wenn sie meint, dass Reporterfragen Unterstellungen enthalten.

Die Kern-Gruppe der Besetzer umfasst rund 30 junge Erwachsene. Aber hier dürfe jeder mitreden. Immerhin: Statt wöchentlicher „Plenumssitzungen“ mit allen gibt es jetzt Arbeitsgruppen. So kümmert sich eine um den Garten, eine andere heißt „VoKü“ – Volksküche. Auch sonst steckt mehr Organisation drin, als mancher vermutet. Es gibt einen Veranstaltungskalender im Internet: Yogakurse, Konzerte, ab und zu ein Nachbarschaftscafé mit Anwohnern, eine Kasse, in die einzahlt, wer will. „Und das einzige Kino im rechtsrheinischen Köln“, er­gänzt Olli. „Deshalb ist Kalk der perfekte Stadtteil für uns. Hier gibt es sonst keine Kulturangebote.“ Mehr geht nicht. „Die könnten uns jeden Tag räumen. Niemand will teures Equipment mitbringen.“

Meist bleibt es ruhig

Manchmal sind 600 Leute auf dem Gelände, schätzen Olli und Tanja. „Schon an normalen Abenden sind es rund 100“, bestätigt der Wachmann draußen. Meist bleibe es ruhig. „90 Prozent von denen sind schon in Ordnung, manche plustern sich etwas auf.“ Bei der Kölner Polizei heißt es, die hiesige linke Szene sei „harmlos“. „Die Harten kommen von außerhalb.“

Der Umgang der Hausbesitzer mit den Besetzern ist recht weich. „Es ist eine rechtswidrige Besetzung“, sagt Savor-Geschäftsführer Jürgen Lange. Wie sie die Besetzer denn rauswerfen wollen? „Wir sind noch im Gespräch mit Politik und Polizei.“ Außerdem wurde Strafanzeige gestellt.

Die Bauaufsicht der Stadt war kürzlich zu Besuch. Deren Bericht lässt sich unterschiedlich interpretieren. „Kleine Mängel, die wir jetzt behoben haben“, sagt Olli. „Schwere bautechnische und brandschutzrechtliche Mängel, die nur mit erheblichen Kosten zu beseitigen sind“, sagt Jürgen Lange. Man habe angeboten, eine Zwischenmiete zu zahlen, betont Olli. „Das Gebäude muss erst geräumt werden, bevor überhaupt Gespräche beginnen können“, entgegnet der Savor-Geschäftsführer. „Wir lassen uns nicht erpressen.“ Was mit dem Gebäude eigentlich geschehen solle, stehe noch nicht fest. „Da warten wir auf den Bebauungsplan für den Stadtteil.“ Die Situation ist festgefahren. Jürgen Lange: „Letztlich hängt es jetzt von der Bereitschaft der Polizei und Gerichte ab zu handeln.“

Es bleibt so simpel: Trotz ihrer Sozialromantik sind die Besetzer heute wie vor 40 Jahren einfach nicht im (deutschen) Recht.