Elitesoldat: „Ich schoss Bin Laden in die Stirn“

Washington..  Klatschtanten sind unter den Navy Seals nicht gut gelitten. Die auf Fehlerlosigkeit gedrillte Elite-Einheit der amerikanischen Marine zählt Verschwiegenheit zu den zentralen Tugenden. Die Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden durch ein US-Spezialkommando vor dreieinhalb Jahren hat den Ehren-Code aufgeweicht.

Jetzt will ein Mann namens Robert O‘Neill den Staatsfeind Nr. 1 erledigt haben. Seine Selbstbezichtigung sorgt kurz vor dem „Veterans Day“ für dicke Luft.

An jenem Tag, der diesmal auf den 11. November fällt, verneigt sich Amerika traditionell mit Paraden vor jenen, die für das Vaterland gekämpft und ihr Leben gelassen haben. Für nächsten Dienstag hat sich Starbucks-Boss Howard Schultz etwas Besonderes einfallen lassen: Vor den Treppen des Capitols in Washington rocken und reden Superstars wie Eminem, Bruce Spring­steen, Metallica, Rihanna. 800 000 Menschen werden zum „Konzert für Heldenmut“ erwartet. Wieder einmal soll „Bewusstsein geschaffen werden“ für das Schicksal von Soldaten.

Seit Wochen prahlt man beim TV-Sender Fox News damit, am 11.11. erstmalig den Namen und die Geschichte jenes Mannes zu lüften, der am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad dem Spiritus rector der Anschläge vom 11. September 2001 die finalen Gewehrgeschosse in die Stirn jagte. Aber die Exklusiv-Geschichte ist unter „friendly fire“ geraten. Die von Ex-Elitesoldaten gespeiste Internetseite „sofrep.com“ hat Robert O‘Neill just geoutet. Dem rot-blonden Naturburschen aus Butte, US-Staat Montana, droht ein Ermittlungsverfahren wegen Geheimnisverrats. Er hat geredet. Seals mögen sowas nicht.

Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst 2012 hat O’Neill über 50 Auszeichnungen für Tapferkeit bekommen. Zwei seiner Missionen machte Hollywoods Traumfabrik zu Geld: die Befreiung des Frachtgut-Kapitäns Richard Phillips aus der Geiselhaft somalischer Piraten, später gespielt von Tom Hanks. Und die Rettung des unter Taliban-Feuer geratenen Scharfschützen Marcus Luttrell, in „Lone Survivor“ von Mark Wahlberg verkörpert.

Von seinem Einsatz gegen Bin Laden hat der 38-Jährige offenbar nicht profitiert. Aus einem 2013 erschienenen Porträt im Magazin „Esquire“ weiß man, dass der Familienvater nach seiner Militärzeit ein Leben ohne Krankenversicherung und Pension fürchtete. „Wenn ich ausscheide, werde ich für den Rest meines Lebens keinen Pisspott besitzen. Traurig, aber wahr: Es ist besser, im Kampf zu fallen.“

Nun, O‘Neill lebt. Als Motivationstrainer, der zahlungswilligen Kunden erklärt, dass Führungskräfte klare Kante zeigen müssen. Gegenüber Fox News und der „Washington Post“, die ihn zitierte, muss O‘Neill damit bei sich angefangen haben. Seither ist die Verwirrung um die letzten Sekunden Bin Ladens komplett. Anders als Ex-Navy Seal Matt Bissonnette, der seine Teilnahme an der Mission „Neptune Spear“ zwischen zwei Buchdeckel presste und damit bereits Millionen verdient haben soll, behauptet O‘Neill, er allein habe „Geronimo“ (Bin Laden) auf dem Gewissen. „Ich sah ihn und schoss ihm zweimal in die Stirn. Bap! Bap!“ Ex-Seals beglaubigen die Angaben. Andere Soldaten sagen: alles erlogen.

Was auch immer stimmt, dem Schützen steht Ärger ins Haus. Brian Losey, Konteradmiral der Navy Seals, wurde sehr grundsätzlich: „Wir dulden keine absichtliche und egoistische Missachtung unserer Grundwerte aufgrund des Strebens nach Bekanntheit oder aus finanziellen Interessen.“ Die Wahrung der Anonymität sei „lebenslange Verpflichtung“.

Gut zu wissen. In wenigen Tagen kommt das zweite Buch von Matt Bissonnette heraus. Mit Osama Bin Laden lässt sich offenbar immer noch einfach zu viel Geld ­verdienen.

 
 

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