Elbe-Pegel in Magdeburg sinkt leicht - Sorge vor Anschlag auf Deiche

Die Elbe steigt und steigt. Die Bundeswehr ist mit Tausenden Soldaten vor Ort in Magdeburg.
Die Elbe steigt und steigt. Die Bundeswehr ist mit Tausenden Soldaten vor Ort in Magdeburg.
Foto: Getty
In Magdeburg rauscht die Flut durch die Straßen, Wasser dringt in Häuser und Keller ein. Evakuierungen werden ausgeweitet, am Sonntag werden mehr als 20.000 weitere Menschen evakuiert. Bundeswehr kämpft gegen die Fluten, damit ein Umspannwerk weiter laufen kann. Gruppe droht mit Anschlägen auf Deiche.

Magdeburg.. Das Hochwasser-Drama in Magdeburg hat kein Ende: Die Flutwelle der Elbe bricht immer neue Rekorde und drückt weiter bedrohlich auf die Deiche. In Magdeburg mussten sich am Sonntag 23.000 Menschen vor den herannahenden Wassermassen in Sicherheit bringen. Auch die Stromversorgung in der Stadt war bedroht, weil das Hochwasser auf ein Umspannwerk zufloss. Trotz erstmals leicht sinkender Pegelstände am Sonntagnachmittag blieb die Lage sehr angespannt. Anschlagsdrohungen gegen Deiche lösten zusätzlich Unruhe aus. Die gewaltige Flutwelle rollt nun auf Brandenburg und Norddeutschland zu. An einigen Orten begannen Helfer damit, die Deiche noch schnell mit Sandsäcken um 30 Zentimeter zu erhöhen. Doch Prognosen über die Wasserstände blieben schwierig.

Mindestens sieben Menschen sind bisher durch das Hochwasser umgekommen, mehrere werden noch vermisst. Zehntausende Flutopfer wissen nicht, wann sie zurück in ihre Häuser dürfen. Sie sind in Notquartieren, bei Verwandten oder Freunden untergekommen. Dazu kamen am Sonntag neue Unwetter: Im ohnehin gebeutelten Sachsen fielen extreme Mengen Regen und Hagel.

"Rothensee läuft voll wie eine Badewanne"

Schwer getroffen ist in Magdeburg bereits der Stadtteil Rothensee mit seinem Umspannwerk. "Rothensee läuft voll wie eine Badewanne", sagte am Sonntagmorgen Bundeswehrsprecher Andrè Sabzog. Am Abend dann erste Hoffnung auf Entlastung: Der Pegel der Elbe sank am späten Nachmittag um rund zwei Zentimeter, wie das Landesamt für Hochwasserschutz mitteilte. Für Prognosen sei es aber noch zu früh, hieß es. Der Leiter des Katastrophenstabes der Stadt, Holger Platz, sagte: "Ich denke, es spricht auch einiges dafür, dass wir jetzt den Scheitel erreicht haben." Dies sei aber noch kein Befreiungsschlag. Deiche könnten auch bei sinkenden Pegelständen noch brechen. "Man kann keine Entwarnung geben, noch nicht."

Rund 3000 Anwohner im Stadtteil Rothensee hatten sich am Samstag schon in Sicherheit gebracht, am Sonntag gingen die Evakuierungen der Wohngebiete östliche der Elbe allerdings weiter. Rund 700 Soldaten versuchen unterdessen, dass Umspannwerk zu retten. In aller Eile bauen sie noch einen Deich um das Gelände. Prognosen wagen sie nicht. Nur die Folgen sind bekannt: Wenn das Umspannwerk ausfällt, droht der Strom für zehntausende Bürger wegzubleiben.

Notabschaltung von Umspannwerk gefährdet Pumpen-Betrieb in Magdeburg

Die Bundeswehr hatte am Sonntag schweres Geschütz aufgefahren im Hochwasser: Transportpanzer, Lastwagen und Geländefahrzeuge rollen heran. Rothensee im Norden der Stadt ist kein reines Wohngebiet. Bekannt ist er vor allem durch den Güterhafen und viele Industriebetriebe. Bei einer Notabschaltung des Umspannwerks könnten auch viele der Pumpen ausfallen, die pausenlos durchsickerndes Wasser hinter den Deichen in die Elbe zurückpumpen. Auch wenn Bundeswehr und andere Hilfsorganisationen eigene Stromversorger dabei haben, hätte ein Stromausfall fatale Folgen für die Stadt.

Für die Bundeswehr war Sachsen-Anhalt an diesem Wochenende das Schwerpunktland. 5500 Soldaten sind am Sonntag im Einsatz, bis zum Abend sollte noch auf 7000 Mann aufgestockt werden. Allein 1500 davon sind in Magdeburg aktiv. Improvisation ist trotz guter Vorbereitung auch in den Innenstadt gefragt. Am Sonntagmorgen stehen zahlreiche Feldbetten auf den mit Sandsäcken gesicherten Rasenflächen direkt an der Elbe, andere Soldaten legen sich zum Ausruhen in Grünstreifen auf Paletten.

Bewohner weigern sich, Stadtteil zu verlassen

Am Samstag hatten viele Bewohner noch abgelehnt, Rothensee zu verlassen. "Wir bleiben hier, hundert Prozent", versicherte etwa Jürgen Sterzing. Er ist sauer, vor allem auf Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). "Vor zwei Tagen hat er noch gesagt, Magdeburg ist sicher", schimpft auch Wolf Thiele auf Trümper. Der hätte die Bürger eher warnen müssen, meint Thiele.

Sicher ist aber gar nichts mehr. Eine Familie hetzt mit drei Kindern, Koffern und einem Käfig mit Wellensittichen zu ihrem Auto. Und am Sonntag steigt ein älteres Ehepaar doch lieber noch schnell in einen der Transportpanzer - auch für ihren Schäferhund ist noch Platz.

Gruppe droht mit Anschlägen auf Elbe-Deiche

Nach einer Drohung mit Anschlägen auf Deiche hat Sachsen-Anhalt die Überwachung der Anlagen aus der Luft und vom Boden aus verstärkt. Dies sagte Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa. Ein Drohschreiben sei mehreren Medien übermittelt worden. Darin werde angekündigt, Dämme und Deiche auch in Sachsen-Anhalt mit dem Ziel beschädigen zu wollen, bundesweit Menschen zu schaden.

Die Drohung stammt demnach von einer Gruppe, die sich "Germanophobe Flutbrigade" nennt. Ein entsprechendes Schreiben sei auch im Internet veröffentlicht worden. "Wir nehmen das Bekennerschreiben ernst", sagte der Minister. Es werde nun alles Erforderliche getan, die Bürger sollten weiterhin die Ruhe bewahren. Kein Deich sei unbewacht.

Bundespräsident ruft Deutsche zu noch mehr Solidarität auf

Unterdessen hat Bundespräsident Joachim Gauck die Deutschen zu noch mehr Solidarität mit den Opfern der Flutkatastrophe aufgerufen. Bei einem Besuch in der vom Hochwasser schwer geschädigten Stadt Halle in Sachsen-Anhalt zeigte sich der Bundespräsident am Sonntag zugleich zuversichtlich für den Wiederaufbau. "Dass wir es wieder packen, das haben wir auch bei der Flut 2002 bewiesen", sagte Gauck. Auch jetzt werden sich seiner Ansicht nach erneut viele Menschen in Deutschland von der Hilfsbereitschaft anstecken lassen und ihren Geldbeutel öffnen. "Deutschland ist ein solidarisches Land", sagte der Bundespräsident.

Am Morgen hatte er in der Marktkirche mit Hunderten Hallensern, freiwilligen Helfern und Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) einen Gottesdienst besucht. Dabei wurde des Leids der vielen Hochwasseropfer in Ost- und Süddeutschland gedacht. Gauck betonte, er sei auch gekommen, um den Menschen Mut zu machen. Dicht umringt von Anwohnern der Stadt bedankte sich das Staatsoberhaupt bei Mitgliedern von Hilfsorganisationen für ihren Einsatz rund um die Uhr.

Bahn sperrt Elbebrücke bei Magdeburg

Wegen des Hochwassers hat die Bahn am Sonntag eine Elbebrücke bei Magdeburg gesperrt. Davon ist der Fernverkehr zwischen Hannover und Leipzig betroffen, wie die Bahn in Berlin mitteilte. Die Intercity-Züge von und nach Hannover enden und beginnen im Magdeburger Hauptbahnhof. Zwischen dem Hauptbahnhof und Halle wurde ein Busnotverkehr eingerichtet. Ab Halle müssen Reisende dann Nahverkehrszüge nach Leipzig nutzen. Auch der Regionalverkehr aus Leipzig und Berlin nach Magdeburg ist betroffen.
Dramatisch zugespitzt hatte sich am Wochenende auch die Lage unweit von Barby, wo das Hochwasser der Saale auf das Hochwasser der Elbe prallte. Zahlreiche Ortschaften wurden dort evakuiert. Auch die Stadt Aken mit rund 8000 Einwohnern wurde geräumt. Bewohner seien teils mit Transportpanzern, teils auch mit Krankenfahrzeugen in Sicherheit gebracht worden, teilte die Bundeswehr weiter mit.

35.000 Sandsäcke sollen Deiche bei Mühlberg schützen

Im brandenburgischen Wittenberge stand der Elbpegel nach offiziellen Angaben am Morgen bei 7,67 Metern. Es wird demnach mit einem weiteren Anstieg auf 8,10 Meter bis Dienstag gerechnet. Der Hochwasserstab des Landkreises Prignitz rief die Bewohner der südlichen Stadtteile von Wittenberge bereits am Samstag auf, im Interesse ihrer eigenen Sicherheit ihre Wohnungen zu verlassen. "Bisher wurde das Angebot aber nur sehr verhalten angenommen", sagte ein Sprecher des Krisenstabs am Sonntagmorgen. Einige Bewohner wurden mit Bussen in eine Notunterkunft gebracht.

Zahlreiche Helfer und Bundeswehrsoldaten hatten noch am Samstag 35 000 Sandsäcke an die Deiche bei Mühlberg (Brandenburg) geschleppt. "Bis zum frühen Sonntagmorgen haben die Helfer unermüdlich an den Brennpunkten gearbeitet", sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs. Erst in drei bis vier Tagen gebe es wohl eine spürbare Entspannung. Bis dahin müssten die Dämme halten. Und noch länger - denn auch das abfließende Wasser drücke noch mit einer gewaltigen Wucht gegen die Deiche.

Steinbrück nennt Politikerbesuche in Hochwassergebiet "Gummistiefelwettbewerb"

Entspannung gab es hingegen in Halle und in Bitterfeld. In der Chemiestadt Bitterfeld droht aber weiterhin ein Badesee die Innenstadt zu überfluten. Die Aufforderung für 10.000 Bewohner, das Gebiet zu verlassen, blieb bestehen. Sie soll womöglich an diesem Montag aufgehoben werden, wie der zuständige Landkreis mitteilte.

Die Bundeswehr war am Wochenende in Sachsen-Anhalt mit insgesamt rund 5500 Soldaten und schwerem Gerät im Einsatz. Die Zahl der Todesopfer in Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Hochwasser blieb laut Krisenstab unverändert. Seit Beginn des Hochwassers waren in Sachsen-Anhalt drei Menschen gestorben, darunter durch einen Herzinfarkt beim Füllen von Sandsäcken und bei einem Verkehrsunfall.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will erst nach der Flut in die Hochwassergebiete reisen. Er werde sich nicht am "Gummistiefelwettbewerb" beteiligen, sagte er am Sonntag in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin". "Wenn dann das Ärgste überstanden ist, dann möchte ich mich mit den Betroffenen gerne hinsetzen, wie konkret die Hilfe aussehen soll." Steinbrück forderte die Einsetzung eines Ombudsmanns beziehungsweise einer Ombudsfrau für die Koordinierung der Flutopferhilfe. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) besuchte bereits zwei Mal die Hochwasserregionen, Bundespräsident Joachim Gauck war am Sonntag in Sachsen-Anhalt und Sachsen. (dpa/afp)

 
 

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