Ein Waffenhändler mit Defiziten

München/Marburg.  Mit einem im Darknet fingierten Waffengeschäft haben Ermittler den mutmaßlichen Verkäufer der Amok-Waffe von München gefasst. Ein ausgemachter Profi war er wohl nicht. Zwar handelte der arbeitslose Verkäufer anonym mit Waffen und Munition im berüchtigten Dark-net, dem dunklen Teil des Internets. Zumindest einen Teil seiner Ware übergab der 31-Jährige aber bei Treffen in seiner Heimat Marburg direkt den Kunden – so auch dem Amokläufer von München.

Zweimal soll der 31-Jährige in der mittelhessischen Universitätsstadt den späteren Amokläufer getroffen und von diesem für die Pistole Modell Glock 17 und 350 Patronen insgesamt 4350 Euro bekommen haben. Mit der Waffe hatte der 18-Jährige im Juli neun Menschen und sich selbst erschossen.

Treffpunkt des Scheingeschäfts mit den verdeckten Ermittlern, bei dem der Mann am Dienstag in die Falle tappte, war ebenfalls Marburg. Vom Busbahnhof führte der mutmaßliche Waffenhändler seine vermeintlichen Kunden auf einen Parkplatz in der Nähe, auf dem er sein Auto abgestellt hatte. In dem Wagen befand sich die bei dem fingierten Geschäft bestellte Ware: eine Maschinenpistole, eine Pistole Modell Glock 17 und Munition.

Ein Amateur – der das Risiko eines direkten Treffens unterschätzte? Der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, Alexander Badle, formuliert es gestern so: „Wenn man das im realen Leben übergibt, kann man schon mutmaßen, dass da bestimmte Defizite vorhanden sind.“ Der Oberstaatsanwalt warnt jedoch zugleich: Auch die anonyme Lieferung und Bezahlung über Paketstationen und Bitcoins schütze Täter keineswegs vollständig.

So hätten andere Kunden des mutmaßlichen Waffenhändlers, ein 62-jähriger Buchhalter aus dem Kreis Arnsberg in Nordrhein-Westfalen und ein 17-jähriger Schüler aus Nordhessen – auch völlig anonyme Käufe im Darknet abgewickelt. Die Ermittler seien ihnen dennoch auf die Spur gekommen – und somit auch dem 31-Jährigen.

Filmreife Übergabe miteinem Gitarrenkoffer

Als nicht besonders professionell bewerten Ermittler auch, dass sich der Mann während der Anbahnung des Scheingeschäfts als Verkäufer der Amok-Waffe von München zu erkennen gab. Hinweise darauf, dass der Waffenhändler von den Amok-Plänen seines Kunden wusste, haben die Ermittler bislang nicht.

Filmreif klingt die Waffen-Übergabe mit dem 17-jährigen Schüler aus Nordhessen. Dabei seien Gitarrenkoffer ausgetauscht worden, berichten die Ermittler. Überbringer des Gitarrenkoffers mit dem bestellten Repetiergewehr und den 157 Patronen zum Preis von 1150 Euro war die gleichaltrige Freundin des mutmaßlichen Waffenhändlers. Sie war nach der Festnahme ihres Lebensgefährten vorübergehend festgenommen worden, wurde aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Es wird aber weiter gegen sie ermittelt.

Alles andere als unauffällig muss nach Einschätzung der Ermittler auch das Versteck einer Waffenkiste gewesen sein. Auf diese hatte der 31-Jährige die Ermittler bei seiner ersten Vernehmung hingewiesen.

Die Kiste enthielt eine Maschinenpistole, vier halbautomatische Pistolen und Munition und war in der Nähe von Köln vergraben: Ausgerechnet auf einer bewaldeten Verkehrsinsel an der Autobahnabfahrt bei Köln-Holweide und Köln-Merheim. „Für das Vergraben muss er eigentlich ein Baustellenschild aufgestellt haben“, sagte ein Ermittler.

 
 

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