E-Bikes sind die Renner auf der Straße

Katrin Martens
Mühelos schnell: Bei den E-Bikes verzeichnen die Fahrradhersteller seit Jahren steigende Verkaufszahlen. Unfallexperten warnen jedoch vor Risiken der Räder mit Elektro-Unterstützung. (Foto: imago)
Mühelos schnell: Bei den E-Bikes verzeichnen die Fahrradhersteller seit Jahren steigende Verkaufszahlen. Unfallexperten warnen jedoch vor Risiken der Räder mit Elektro-Unterstützung. (Foto: imago)
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Die E-Bikes verkaufen sich richtig gut, und im Frühjahr steigen die Verkaufszahlen noch einmal an. Doch Unfallexperten warnen aber eindringlich. Sie fordern eine Helmpflicht für die Fahrer von E-Bikes. Schließlich gilt die auch für Mofa-Fahrer.

An Rhein und Ruhr. Bequemlichkeit auf dem Fahrrad liegt im Trend. Die Verkaufszahlen der E-Bikes, auch Pedelecs genannt, schnellen seit Jahren nach oben. Mit dem Beginn des Frühlings steigt die Nachfrage jetzt wieder. Unfallexperten warnen jedoch: Weil Autofahrer das Tempo von Elektrofahrrädern noch immer unterschätzen, kann es zu schweren Unfällen kommen.

Im Jahr 2010 wurden in Deutschland rund 200 000 E-Bikes verkauft, 33,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Das meldet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). 2009 wurden rund 150 000 der elektrisch unterstützten Fahrräder in Umlauf gebracht. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der verkauften E-Bikes fast verdreifacht. Deutschland und Holland sind die absatzstärksten Märkte in Europa.

Neue Technik, neues Design

Als Grund für dieses rasante Wachstum sieht der ZIV die „sich ständig weiterentwickelnde Technik, das neue Design und die Erschließung neuer Zielgruppen“. Denn mittlerweile gibt es für nahezu jeden Radtyp, ob Citybike, Mountainbike oder Trekkingrad, auch mindestens ein E-Bike-Modell (siehe unten).

„Ergebnis ist, dass die E-Bikes mittlerweile einen Anteil von fünf Prozent am deutschen Fahrradmarkt ha­ben – Tendenz steigend“, heißt es beim ZIV. „Mittelfristig kann der Anteil der E-Bikes am Gesamtfahrradmarkt in Deutschland zwischen 10 und 15 Prozent liegen, dies entspricht einer Stückzahl von 400 000 bis 600 000 Fahrzeugen“, so ZIV-Geschäftsführer Siegfried Neuberger.

Bettina Sinzig, Leiterin der AXA Winterthur Unfallforschung, betrachtet diese Entwicklung mit einer gewissen Sorge. „Autofahrer verlassen sich auf ihre Erfahrung, wenn sie in der Ferne einen älteren Herrn in aufrechter Sitzposition auf einem Fahrrad sehen. Sie denken, er bewegt sich mit etwa 10 bis 15 km/h. Doch das tut er nicht.“ Es kann sein, dass er mit 30 bis 40 km/h angerauscht kommt, vor allem, wenn das E-Bike zur s genannten offenen Klasse zählt, die ein Versicherungskennzeichen am Rad erfordert.

Schon wenn ein Autofahrer seine Wagentür öffnet, weil er glaubt, der Radler sei noch weit weg, kann es schnell zu einem Zusammenstoß kommen, wie die Dekra gemeinsam mit der AXA in einem Crash-Test demonstriert hat.

Mit 40 km/h überfordert

Ein zweites Problem liegt bei den Radfahrern selbst. Ein mäßig sportlicher Mensch, der sich nur am Wochenende gelegentlich auf sein E-Bike schwingt, kann mit dem hohen Tempo seines Flitzers schnell überfordert sein. Bei 40 km/h zu bremsen, einem Hindernis auszuweichen oder in eine Kurve zu fahren, verlangt dem Fahrer einiges ab. Sinnvoll ist, die Tretkraftunterstützung nur in Maßen zuzuschalten.

Bettina Sinzig fordert wie viele andere Unfallforscher daher eine Helmpflicht für die E-Bikes. Für Mofa-Fahrer, die etwa gleich schnell unterwegs sind, gilt die Helmpflicht ganz selbstverständlich. Dass ein Mofa einen Verbrennungsmotor, das E-Bike aber keinen habe, könne nicht das ausschlaggebende Argument sein, so Sinzig. Entscheidend sei schließlich die Geschwindigkeit, die erreicht werde.

„Undifferenzierte Panikmache“, sagt die Fahrradbranche

In der Fahrradbranche ärgert man sich über die „undifferenzierte Panikmache“. Beim Portal velobiz.de heißt es, alle Pedelecs würden über einen Kamm geschoren, dabei würde jedoch übersehen, dass 95 Prozent der verkauften E-Bikes nicht der offenen Klasse angehörten und nur bis 25 km/h unterstützten.

Die technisch hochgerüsteten E-Bikes, die nur dann Rückenwind geben, wenn man gleichzeitig selbst in die Pedale tritt, sind keineswegs günstig. Im Fachhandel kosten sie 1800 Euro und mehr. Ein Pedelec im Baumarkt oder beim Discounter für weniger als 1000 Euro zu kaufen, sei aber nicht immer eine empfehlenswerte Alternative, sagt Markus Hübner, Technikreferent des ADFC. Käufer sollten vor allem auf die Rahmen und die Akkutechnik achten.

Wachstumspotenzial im Alltagsgebrauch

Ob in der Freizeit, im Alltagsverkehr oder auf dem Weg zur Arbeit – die Fahrradnutzung steigt kontinuierlich. Wachstumspotenzial sehen Branchenkenner vor allem im alltäglichen Gebrauch des Fahrrads: Großstädte wie Berlin, München und Hamburg haben sich besondere Radverkehrsstrategien überlegt und es geschafft, den Radverkehrsanteil in ihren Städten auf mittlerweile 13 Prozent (Hamburg und Berlin) und 14 Prozent in München zu steigern.

Albert Herresthal, Geschäftsführer des Branchenverbands Verbund Service und Fahrrad (VSF), sagt dazu: „Das sind Millionen Neu­radler, die die Krankenkassen und Kommunen entlasten, wenn sie in moderne Räder investieren.“