Drama um Zappel-Philipps Schwester beeindruckt

Ulrich Schilling-Strack
Die Schauspieler Greta Bohacek (l-r), Anneke Kim Sarnau, Helmut Schrott und Stella Kunkat am Set der MDR/ORF-Produktion "Keine Zeit für Träume".
Die Schauspieler Greta Bohacek (l-r), Anneke Kim Sarnau, Helmut Schrott und Stella Kunkat am Set der MDR/ORF-Produktion "Keine Zeit für Träume".
Foto: dpa
Zappel-Philipp modern: Der ARD-Film „Keine Zeit für Träume“ zeigt beeindruckend, wie eine Familie dafür kämpft, sich trotz eines ADS-Mädchens zu behaupten. Die Schauspieler sind stark, so stark wie Drehbuch und Regie. Eines fehlt Gott sei Dank: der erhobene Zeigefinger.

München. Im Struwwelpeter hießen Kinder wie Merle noch Zappel-Philipp oder Hans-Guck-in-die Luft und wurden für ihr „Fehlverhalten“ drastisch abgestraft. Wie schwer es auch heute noch ist, mit einem Zappel-Philipp, einem Hans-Guck-in-die-Luft umzugehen, zeigt der bemerkenswerte Film „Keine Zeit für Träume“, den das Erste am Mittwoch um 20.15 Uhr ausstrahlt.

Immerhin hat das Kind jetzt einen wissenschaftlichen Namen. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADS, unter dem wohl auch schon der Philipp und der Hans litten, wurde angeblich bereits bei rund zwei Millionen Kindern in Deutschland diagnostiziert. Heerscharen von Therapeuten sind mit Unterstützung der Arzneimittelindustrie zur Hilfe geeilt. Was die Sache nicht immer einfacher macht, wie das Beispiel einer Familie zeigt, die auf dem Leidensweg der kleinen Merle fast zerbricht.

Wer rechnet denn schon damit, dass das eigene Kind unter einer Störung leidet, die man bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte? Jede Elfjährige ist doch zuweilen unkonzentriert, träumt in den Tag hinein. Erst als der Lehrer Alarm schlägt und den Eltern rät, ein offenbar überfordertes Kind von der Schule zu nehmen, beginnt die beschwerliche Suche nach Hilfe. Was diesen Film so besonders macht: Man verzichtet auf Schuldzuweisungen, nimmt nie Partei und erklärt dafür mit makellos besetzten Rollen Konflikte, Hindernisse, Verzweiflung und vorsichtige Hoffnung.

Kluges Buch, behutsame Regie

Der Vater: Will das alles erst gar nicht wahrhaben, hofft, „dass sich das von selbst gibt“, entzieht sich aber keinesfalls den gemeinsamen Bemühungen. Die Mutter: Quält sich mit Zweifeln, kämpft bis zum Umfallen. Die Großmutter: Praktisch, hilfsbereit, immer zur Stelle, wenn man sie braucht, aber auch ein wenig verständnislos. Die ältere Schwester: Mitten in der Pubertät, hat also selbst schon genug Probleme, fühlt sich zu Recht vernachlässigt in der Sorge der Eltern ums Nesthäkchen und reiht sich dennoch am Ende ein in die Familie, die solch eine Belastung wohl nur gemeinsam schultern kann.

Solch ein Thema drängt einen Film immer auch ein wenig in Richtung Doku, denn natürlich muss man ja seriös erklären, um was es da eigentlich geht. Vom pädagogischen Zeigefinger ist jedoch nichts zu sehen, dafür ein Drama, das an Emotionen nicht spart und mit ausgezeichneten Schauspielern wie Anneke Kim Sarnau oder Harald Schrott bestens besetzt ist und von einem klugen Drehbuch (Regine Bielefeldt) sowie einer behutsamen Regie (Christine Hartmann) profitiert. Was ADS bedeutet, ahnen wir nach beeindruckenden 90 Minuten.