Dortmund

Dortmund: Stadt erklärt Wohnungen für illegal – Bewohner außer sich: „Das knallt richtig!“

Auch sie haben von der Stadt Dortmund eine Ordnungsverfügung bekommen. Müssen Heidrun und Heiner Fiene bald ihr Zuhause aufgeben?
Auch sie haben von der Stadt Dortmund eine Ordnungsverfügung bekommen. Müssen Heidrun und Heiner Fiene bald ihr Zuhause aufgeben?
Foto: Vanessa Hellwig

Dortmund. Sie wohnen teilweise seit mehreren Jahrzehnten in der Straße Iggelhorst in Dortmund-Dorstfeld. Jetzt fordert die Stadt Dortmund die Anwohner auf, auszuziehen – denn ihre Wohnungen liegen im Gewerbegebiet, und da dürfen eigentlich nur Betriebsangehörige wohnen. Das fiel der Stadt allerdings erst im Herbst 2018 auf.

Dass sie illegal dort wohnen, ist „dem Großteil der Anwohner wahrscheinlich gar nicht bewusst“, räumt die Stadt Dortmund ein. Dennoch verschickte die Stadt Ende April Ordnungsverfügungen an 18 Anwohner der Straße Iggelhorst mit der Aufforderung, ihre Wohnungen innerhalb der nächsten drei Monate zu verlassen. Aufgefallen war das Ganze, weil ein Bewohner im Gewerbegebiet sich wegen Emissionen beschwert hatte. Bei den Untersuchungen stellte die Stadt fest, dass Wohnbebauung hier nicht genehmigt ist.

Dortmund: Illegale Wohnungen im Gewerbegebiet

„Scheiße fühlt sich das an“, sagt Heiner Fiene. Er und seine Frau Heidrun leben seit elf Jahren in zwei Wohnungen in dem betroffenen Gebiet. „Über kurz oder lang müssen wir ausziehen“, erzählt der Rentner. Wenn sie nicht gehen, wird's teuer: 2.000 Euro Strafe fallen pro Monat an.

„Für mich ist das Erpressung. Entweder wir ziehen aus, oder wir müssen Strafe zahlen“, findet Fiene. Die Eheleute haben sich mit den anderen Anwohnern zusammengeschlossen und wollen gegen die Verfügung klagen. Es besteht Hoffnung: „In Bochum ging so ein Fall schon gut für die Bewohner aus“, sagt er.

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Mieterschutzbund: „höchst skandalös“

Hoffnung macht den Anwohnern auch Susanne Neuendorf vom Mieterschutzbund. „Je mehr Informationen ich zu dem Fall bekomme, umso besser schätze ich die Chancen ein“, sagt die Expertin. Sie bezeichnet den Fall als „höchst skandalös“.

„Das Gebiet wurde 1968 als Gewerbegebiet eingetragen. Mir liegt ein Klimabericht von 2013 vor, in dem steht, dass auf dem Gebiet Personen wohnen. Die Stadt wusste also, dass es bewohnt ist. Es ist Lug und Trug, was da passiert“, sagt Neuendorf.

Wohnen und Arbeiten nebeneinander

Die Anwohner hoffen, dass die Stadt das Gebiet neu bewertet und dann als „funktionslos“ einstuft. Dann könnten Mieter und Gewerbe nebeneinander existieren.

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Bis die Anwohner aufatmen können, wird allerdings noch Zeit vergehen. So lange leben sie in Ungewissheit. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Wir wissen nicht, was danach passiert“, erzählt Heidrun Fiene, „wo sollen wir denn wohnen?“

Vor Gericht wird's „knallen“

Uwe und Regina Rogner wohnen nebenan. Vor dreißig Jahren kauften sie ihr Haus am Iggelhorst, vorher wohnten sie fünf Jahre im Nachbarhaus zur Miete.

Rogner ist zuversichtlich, dass er in seinem Haus – er bezeichnet es als „Lebenswerk“ – bleiben darf. Die Zuversicht gibt ihm ein Papier, auf dem steht: „uneingeschränktes Wohnen erlaubt“. Er will vor Gericht ziehen, um sich das bestätigen zu lassen. „Das knallt richtig!“, ist er sich sicher.

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Stören die Anwohner einen Investor?

Rogner vermutet, dass sein Haus zu nah an einem geplanten und bereits genehmigten Logistikzentrum liege. „Der Investor steht schon in den Startlöchern“, meint er.

Auch Neuendorf vermutet das, denn durch die dann anfallende Gewerbesteuer könnte die Stadt eine Menge Geld einnehmen. „Man findet die geplante Lagerhalle sogar schon auf Mietportalen im Internet“, sagt sie. Ihre Fertigstellung wird dort für 2019 angepeilt.

Möglicherweise sind weitere Anwohner betroffen

Rogners Haus genieße zudem Bestandsschutz, dürfe also inklusive Familie Rogner bleiben. Das gebe Hoffnung für die weiteren Anwohner: Es sei „falsche Ermessensausübung“, wenn ein Anwohner bleiben dürfe und die anderen gehen müssten.

Bisher verschickte die Stadt Ordnungsverfügungen an 18 Personen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass noch weitere folgen, sagte ein Sprecher der Stadt Dortmund. In dem Gebiet wohnen 170 Personen. (vh)

 
 

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