Dominik Graf stößt bei Münchner "Tatort" in der ARD an Grenzen

Frank Preuß
Optischer Firlefanz statt eines "einfachen Falls": Der Münchner Tatort ist bildgewaltig, vielleicht zu bildgewaltig.
Optischer Firlefanz statt eines "einfachen Falls": Der Münchner Tatort ist bildgewaltig, vielleicht zu bildgewaltig.
Foto: dpa
Was kommt heraus, wenn ein mit Preisen überhäufter Regisseur sich an einem "Tatort" versucht? Sicherlich kein "einfacher Fall", wie ihn sich die Münchner Ermittler gewünscht hätten. Stattdessen präsentiert Dominik Graf ein wildes Stück über den Zerfall der Gesellschaft und stößt dabei an Grenzen.

München gemütlich und überschaubar? Aber doch nicht, wenn Dominik Graf einen „Tatort“ inszeniert. Wer mit so vielen Preisen überhäuft ist wie der Münchner Regisseur, der ist versucht, dem deutschesten aller Krimis die Normalität auszutreiben. Herausgekommen ist ein wildes Stück über den Zerfall von Stadt und Gesellschaft, das unsere Sehgewohnheiten malträtiert, am gewaltigen Anspruch und allerlei optischem Firlefanz aber zu ersticken droht.

Dabei hätten sich die pfundigen Münchener Kommissare Leitmayer (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) doch „so einen einfachen Fall“ gewünscht, so einen, „wo der Mann den Liebhaber im Bett der Ehefrau erschlägt“. Daraus wird nichts, der Leitmayer verliert schon in den ersten Szenen den Überblick: Die Stadt ist ein Tollhaus, er und sein Navi müssen zwischen den Baustellen kapitulieren. Und der Titel „Aus der Tiefe der Zeit“ (ARD, Sonntag, 27.10., 20.15 Uhr) kündigt ja obendrein schon Gewaltiges an. So ist es auch: Graf und sein Drehbuchautor Bernd Schwamm pac­ken den Krimi voll bis obenhin.

Streckenweise bietet der "Tatort" großes Theater

Um Bauspekulation und Korruption im Rathaus geht es in der Stadt der Wohnungsnot erstmal vordergründig. Ein Bagger legt die erste Leiche frei, der Adoptivsohn einer ehemaligen Zirkusreiterin aus Kriegstagen (Erni Mangold), die im Garten ihres riesigen Anwesens immer noch ganz gern mit der Winchester herumfuchtelt. Der leibliche Sohn (Martin Feifel) führt eine erfolglose Eventagentur, spricht beim Verhör in der dritten Person von sich und steuert sein Auto bei Wutanfällen schon mal in eine Schaufensterscheibe, seine gefühllose Freundin (Meret Becker) durchzieht eine geistige und seelische Abwesenheit, als hätte sie alle Drogen eingeworfen, derer man in Pullach habhaft werden kann.

Was die Drei im Tatort bieten, ist schauspielerisch aller Ehren wert, streckenweise sogar großes Theater, aber zuweilen fühlt man sich bei diesem durchgeknallten Clan an die Klimbim-Familie erinnert. Da muss natürlich noch ein düsteres Geheimnis her, am besten aus Kriegszeiten, das zu einer Erpressung einlädt. Und wenn am Ende alle menschlichen Fassaden bröckeln, bröselt auch der Herrschaftssitz dieser Holzers kräftig, als hätte Edgar Allan Poe am Drehbuch mitgeschnitzt.

Tatort-Szenen mit hektischen Schnitten geschreddert

Graf müht sich, das alles zwischen Gesellschaftskritik und moralischem Grundsatzdiskurs zusammenzuführen, serviert uns obendrauf einen tuntigen Friseur (Maximilian Brückner), der plötzlich tot im Laden liegt und einen nationalistischen Kroaten (Misel Maticevic), der für Drecksarbeiten gebraucht wird. Mei o mei, es ist viel unterwegs.

Das Hinsehen kostet aber auch Kraft, weil Graf die Szenen im Tatort mit hektischen Schnitten schreddert, in Parallelmontagen erzählt und ganz vernarrt ist in seine Bildsprünge. Da wird man in der Tat zum Leitmayer und wünscht sich den kleinen, schmutzigen Krimi ohne Schnickschnack.