Dieses Paar hat Merkel angeblich zum Umdenken gebracht

Christine (52) und Gundula (58) Zilm vor ihrem Garten in Barth (Mecklenburg-Vorpommern). Die Bundeskanzlerin ist immer noch eingeladen. 2013 hatten sie ihr gesagt, sie solle mal die Familie mit damals acht Pflegekindern besuchen.
Christine (52) und Gundula (58) Zilm vor ihrem Garten in Barth (Mecklenburg-Vorpommern). Die Bundeskanzlerin ist immer noch eingeladen. 2013 hatten sie ihr gesagt, sie solle mal die Familie mit damals acht Pflegekindern besuchen.
Foto: Jens Büttner / dpa
Die Bundeskanzlerin nennt sie als Grund für ihr Umdenken bei der Ehe für alle: Zu Besuch bei dem lesbischen Paar aus Merkels Wahlkreis.

Barth.  Angeblich waren sie der Grund, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Haltung in der „Ehe für alle“ noch einmal überdacht hat. „Wenn wir der Anstoß dafür waren, ist das schon eine tolle Sache“, kommentiert Gundula Zilm. Im Sommer 2013 hatte ihre Partnerin Christine Zilm die Kanzlerin auf dem Marktplatz von Barth in Vorpommern eingeladen. Die Kanzlerin sollte sehen, wie ein lesbisches Paar mit acht Pflegekindern lebt – und wie sie noch besser leben könnten.

Es war die Einladung, die Merkel am Montag bei einem Termin der „Brigitte“ ein „einschneidendes Erlebnis“ genannt hat. Wenn das Jugendamt einem lesbischen Paar acht Pflegekinder anvertraue, könne der Staat nicht mit dem Kindeswohl gegen Adoptionen argumentieren, sagte Merkel.

Heute leben fünf Pflegekinder bei den zwei Frauen, und die Einladung steht immer noch. Merkel sei in dem Haus mit dem großen Garten herzlich willkommen. Noch gibt es keinen Termin, aber bestimmt bald einen guten Anlass: Die Heirat der 52 und 58 Jahre alten Frauen, die sie sich schon so lange wünschen. „Sie kann ruhig kommen, wir warten immer noch“, sagen Christine und Gundula Zilm am Mittwoch übereinstimmend.

Vorstoß brachte Bewegung in Leben der Zilms

Der Kanzlerin hatte Christine Zilm 2013 auf dem Marktplatz davon geklagt, dass sie die Kinder nicht adoptieren kann, weil sie und ihre Partnerin kein Ehepaar sind. Der Staat hat ihnen das bislang verwehrt. Aber mit dem Vorstoß von Merkel am Montagabend, als sie von ihrem klaren Nein zur Ehe für alle abrückte, hat sie Bewegung in das Leben der Zilms gebracht.

Die Episode zeigt, wie wichtig persönliche Begegnungen mit den Menschen im Land für die Politiker sein können und wie daraus politischen Handeln entstehen kann. Solche öffentlichen Treffen sind für Merkel nicht immer einfach. Beispiel: Die Begegnung mit dem Palästinensermädchen Reem im Juli 2015 in Rostock. Die Kanzlerin hatte der damals 14-Jährigen ziemlich nüchtern versucht zu erklären, dass nicht jeder Migrant in Deutschland bleiben könne - worauf das Kind in Tränen ausbrach. Manche Beobachter gingen davon aus, dass diese Begegnung für den späteren Umgang Merkels mit der Flüchtlingskrise von Bedeutung war.

Gundula Zilm als „Frau des Jahres“ geehrt

Gundula Zilm hatte Merkel im Winter 2015 beim Neujahrsempfang der CDU des Kreises Vorpommern-Rügen getroffen. „Ich weiß, wer Sie sind, es steht noch ein Hausbesuch offen“, zitiert Gundula die Kanzlerin. Vorher war sie im Kreis zur „Frau des Jahres“ gekürt werden – für ihr ehrenamtliches Engagement in der örtlichen Grundschule und als Leiterin einer Selbsthilfegruppe.

Soziales Engagement hat eine zentrale Stellung im Leben der beiden, die wegen Erwerbsunfähigkeit bereits in Rente sind. Dazu gehören die Betreuung von derzeit fünf Pflegekindern im Alter von 9 bis 18 Jahren - auch vier Hunde leben im Haus - und die Hilfe für eine syrische Flüchtlingsfamilie.

Beide Frauen lebten in heterosexuellen Beziehungen

Kennengelernt haben sich die zwei vor neun Jahren im Internet und tauschten Erfahrungen aus: Beide haben eine heterosexuelle Vergangenheit und jeweils einen erwachsenen Sohn. Seit acht Jahren leben sie in der eingetragenen Partnerschaft. „Wir wussten, was wir wollten, worauf sollten wir warten“, erzählen sie. Es ist offensichtlich, dass sie nicht nur in dieser Frage eine klare Haltung einnehmen. Denn sie wissen, wie es ist, nicht offen leben zu dürfen. „Zu tiefster DDR-Zeit war das nicht relevant“, sagt Christine.

Nach der Wende hätte Christine ihr Glück gern offen gezeigt, aber ihre damalige Partnerin wollte das nicht. „Also haben wir doch versteckt gelebt.“ Niemandem würde sie empfehlen, so zu leben. „Orientiert Euch nicht mehr am Mittelalter. Erlaubt doch den Menschen so zu leben, wie sie wollen“, ist das Credo der beiden.

Gebannt werden sie nach Berlin schauen, wenn sich der Bundestag mit dem Gesetz befasst. „Wenn die Nachricht kommt, dass es durch ist, werden wir erstmal mit den Kinder Eis essen gehen. Die werden jubeln“, sind sie sich sicher. (dpa)

 
 

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