Die Wut der Hinterbliebenen von Winnenden

Die Trauer nach dem Amoklauf in Winnenden ist groß. Foto: dapd
Die Trauer nach dem Amoklauf in Winnenden ist groß. Foto: dapd
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Winnenden.. Bewegende Szenen im Winnenden-Prozess gegen den Vater von Tim K.: Eine junge Frau spricht über ihre Suizidgedanken nach dem schrecklichen Amoklauf.

Ihre ganze Wut nach dem ersten Prozesstag hat sie sich von der Seele geschrieben. Hat sich gleich danach zu Hause an ihren Computer gesetzt. „Hohes Gericht, Herr K...!“, sagt die 19-jährige Tatjana H. nun im Gerichtssaal ins Mikrofon, leicht zitternd vor Aufregung. Und spricht von ihrer Enttäuschung über den Angeklagten, über den Vater des Amokläufers und über dessen Selbstmitleid: „Meinen Sie nicht, wir hätten auch Suizidgedanken? Auch ich habe mich gefragt, für was ich mein Abitur machen soll, wenn mir eh meine einzige Schwester genommen wurde.“

19 Jahre ist sie, eine magere junge Frau im schwarzen Stretchkleid, die stellvertretend für viele Nebenkläger ihrer Verachtung für den Angeklagten Luft macht. Sie, die junge Frau, die gerade ihr Bauingenieur-Studium beginnt, spricht aus, was viele der inzwischen 43 Nebenkläger im Prozess um den Amoklauf von Winnenden fühlen. Wie sehr es sie trifft, dass Jörg K., der Vater des Täters Tim K., keine Worte der persönlichen Entschuldigung findet. Denn er, der vor dem Stuttgarter Landgericht zumindest wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagt ist, möglicherweise auch wegen fahrlässiger Tötung, schweigt, lässt einzig seine Anwälte für sich sprechen.

Der furchtbare 11. März 2009

Vielleicht wäre Tim auch in anderer Weise an Waffen gekommen. Aber mit einer anderen Waffe, nicht mit dieser Durchschlagskraft, wären sicherlich nicht so viele Menschen gestorben, sagt die junge Frau, deren Schwester Jacqueline gerade einmal 15 Jahre alt wurde, als Tim K. am 11. März 2009 die Tür des Klassenraumes 301 aufriss und wahllos schoss.

Der furchtbare 11. März 2009 von Winnenden, er wird an diesem Morgen noch einmal bis ins letzte, kaum erträgliche Detail seziert. Kriminaloberkommissar Thomas N. ist als Zeuge geladen. Drei Tage lang wird er berichten über das, was geschah, wie es sich aus Sicht der Ermittler darstellte.

Kreischende Kinder, Schüsse, Schmerzensschreie

Es sind die Bilder, die nur wenige sahen. Diejenigen, die in den Klassenräumen waren, die Polizisten und Rettungskräfte, die später gerufen wurden. 9.33 Uhr war es, als der erste Notruf per Handy die Polizei alarmierte. Robin aus der 9c sprach aufgeregt von einem Mann mit Pistole, von Schüssen, von Verletzten. 13 weitere Notrufe sollen die Polizei danach noch erreichen. Zu hören sind kreischende Kinder, Schüsse, Schmerzensschreie.

Längst sind da drei Streifenpolizisten unterwegs, eilen in die Schule. Ein erstes Interventionsteam, das sogar noch Tim K. begegnet, von ihm beschossen wird. Aufhalten indes können sie ihn nicht mehr. 15 Menschen erschießt er und am Ende einer Flucht auch sich selbst. Das Chaos dieser Stunden zu beschreiben, fällt auch Kripomann N., der einen 400 Seiten langen Bericht über die Ermittlungen verfasst hat, nicht leicht.

Allein das, was die Rettungskräfte zu sehen bekommen, übersteigt die Kräfte eines manchen von ihnen. 9.30 Uhr hatte der 17-jährige Tim K. plötzlich in der Tür seines früheren Klassenraumes 305 gestanden, den Arm angehoben und mit starrem Gesichtsausdruck gezielt. Zehn Schüsse gibt er ab. Kopfschüsse. Die ersten treffen Chantal Schill, die hinten rechts, nahe der Tür, sitzt. Chantal kippt nach vorn, mit dem Kopf auf den Tisch. Christina Strobel, ihre Freundin, die neben ihr sitzt, fällt tot in ihren Schoß. Auch Jana Schober, die dritte der Freundinnen, fällt zu Boden, im Todeskampf zitternd. Fünf weitere Menschen in dieser Klasse werden zum Teil schwer verletzt, bevor Tim K. weiterzieht, von Raum zu Raum.

Tote Kinder mit dem Stift in der Hand

Schier endlos scheinen die Minuten, bis die Rettungskräfte eintreffen. Manches der Kinder flüchtet über eine Rettungsleiter, verletzt sich dabei, andere kollabieren. Handys schicken Notrufe, verzweifelte Nachrichten an Eltern. Als Sanitäter und Ärzte schließlich eintreffen, nicht wissend, ob der Amokläufer noch im Gebäude ist, finden sie tote Kinder mit dem Stift in der Hand auf dem Stuhl sitzend.

Der zweite Prozesstag um den Amoklauf von Winnenden, er ist gleichzeitig der zweite Tag nach dem von Lörrach. Und Hardy Schober, der Vorstand des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, sieht sich auf traurige Weise bestätigt: „Lörrach zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist, wieder ist der Täter, die Täterin, Sportschütze. Das ist die latente Gefahr, die von zu Hause untergebrachten Waffen ausgeht!“

 
 

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