Die deutsche „Mutter Teresa von Santiago“

Wilfried Goebels

Santiago.  Strahlend, mit offenen Armen begrüßt die „Mutter Teresa von Santiago“ die Gäste in ihrer Stiftung in Chile. Seit 1968 kämpft die 72-jährige Ordensfrau mit Herz und Entschlossenheit gegen Armut und fehlende Ausbildung im Santiago. Inzwischen hat die deutsche Missionarin Ka­ro­li­ne May­er mit ihrer ökumenischen Stiftung Cristo Vive zahlreiche Suppenküchen, Krankenstationen, Kindergärten, Reha-Zentren für Drogensüchtige und Ausbildungszentren in Armutsvierteln gegründet. Am 5.Dezember wird Schwester Karoline in der ZDF-Sendung „Ein Herz für Kinder“ von „Bild“ für ihre unglaubliche Leistung geehrt.

Sandalen, ein blaues Ordenskleid mit einem einfachen Kreuz – die unscheinbare, kleine Person mit den grauen Haaren lässt auf den ersten Blick kaum erahnen, welche Energie in ihr steckt. Inzwischen hat die von Schwester Karoline 1990 gegründete Stiftung 500 festangestellte Mitarbeiter und Hunderte ehrenamtliche Helfer. Darunter aktuell 25 aus Deutschland, die ihr soziales Jahr in Chile ableisten. Längst ist die Stiftung auch in Bolivien und Peru aktiv.

Stolz zeigt die in Eichstätt geborene Ordensfrau Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) auf dessen Chile-Visite mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ihre Werkstatt mitten im Armenviertel Santiagos. 14 000 junge Leute hat die Stiftung über die Jahre zu Handwerkern ausgebildet, aktuell durchlaufen 1300 Ungelernte die 500-stündliche Ausbildung und das zweimonatige Praktikum in einer der 400 engagierten Firmen. Dafür musste Schwester Karoline gewaltige Hürden aus dem Weg räumen. Nach einer medizinischen Ausbildung Santiago arbeitete die Ordensfrau unentgeltlich in der Krankenstationen eines Armenviertels. Um etwas gegen die Unterernährung der Kinder im Slum zu tun, sammelte sie in Supermärkten Lebensmittel für eine Suppenküche. Als der Steyler-Orden sie wegen ihrer linken Gesinnung nach Deutschland holen wollte, verließ sie die Gemeinschaft.

Während der Pinochet-Militärdiktatur von 1973 bis 1990 versteckte die unbeugsame Nonne Regimegegner und verhalf ihnen zur Flucht ins Ausland. Sie erhielt Morddrohungen und wurde einmal kurz verhaftet. Nach dem Ende der Diktatur gründete sie ihre Stiftung, 1999 dann ihre eigene Gemeinschaft Comunidad de Jesus. Inzwischen werden in den Krankenstationen jährlich 30 000 der Ärmsten kostenlos behandelt.

Eine Chance für Jugendlicheohne Ausbildungsplatz

Die Berufsausbildung der Jugendlichen aus den Slums zum Handwerker ist für Schwester Karoline eine Herzensangelegenheit. Jugendliche, die oft keine Schulausbildung erhalten haben, bekommen eine Chance.

Karoline hat einen Traum, dass in Chile das in Deutschland erfolgreiche duale Ausbildungssystem eingeführt wird. Solange macht sie einfach mit ihren Kursen weiter. Zehn Prozent der Kosten sammelt die Schwester über Spenden ein, für das jährlich zwei Millionen Euro teure Krankheitszentrum trägt der chilenische Staat nach anfänglichem Sträuben 90 Prozent bei. Bei der technischen Ausbildung hilft die deutsche Entwicklungshilfe, auch die Handwerkskammer Düsseldorf ist seit Jahren unterstützend aktiv.

Der seit 1968 in Chile lebenden Ordensfrau werden bei der TV-Sendung die Herzen der Zuschauer für ihren aufopfernden Einsatz für die Ärmsten zufliegen – soviel steht fest. Wirtschaftsminister Duin ist noch lange nach dem Besuch der Stiftung beeindruckt. Zum Abschied hat Schwester Karoline die gesamte Besuchergruppe an sich gedrückt und per Du wie alte Freunde verabschiedet.

Ob sie die Slumbewohner auch kirchlich missioniere, wird sie am Rande gefragt. „Der Glaube vermittelt sich durch Taten“, sagt die Ordensschwester.