Die Berliner werden pampig

Kein Herz: Die Berliner verleihen ihrem Unmut öffentlich Ausdruck.                                                              Foto: Getty
Kein Herz: Die Berliner verleihen ihrem Unmut öffentlich Ausdruck. Foto: Getty
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Viele Berliner haben die Nase voll von Touristen und Zuzüglern. 20 Jahre nach der Wende steht die Stadt am Wendepunkt. Bei vielen Menschen in der Hauptstadt kommt der Aufschwung nicht an. Das macht schlechte Laune.

Berlin. Hanna mag Berlin. Für Leute wie Hanna ist ein Wochenende in Berlin das Coolste, was einem passieren kann. Einen ganzen Stapel Postkarten mit „I like Berlin“ hat die 17-jährige Schülerin aus Kamen letzten Samstag an ihre Freunde im Ruhrgebiet verschickt. Doch Berlin reagiert im Augenblick ziemlich pampig auf solche Liebeserklärungen. Mecker-Aufkleber mit „Berlin doesn’t like you“ („Berlin mag dich nicht“) pappen an Laternen in den Ausgehvierteln. Was ist da los?

Nachts brennen Autos, tagsüber werden Touristen gemobbt: In Berlin breitet sich eine neue Bewegung aus, jenseits von Rechts und Links. Sie richtet sich gegen alle, die Berlin verändern – Touristen, Investoren, wohlhabende Zuzügler. Die neue Bewegung treibt die Angst: Dass Berlin sein Gesicht verändert, dass aus dem Kumpeltyp ein Karriere-Heini wird. Mit unbezahlbarem Zentrum und entfesseltem Massentourismus. Verkürzt und polemisch: Schwaben und Skandinavier kaufen die Luxuswohnungen und das Kreuzberger Spreeufer wird der Ballermann von Berlin.

In der Schlesischen Straße, auf der Grenze zwischen Kreuzberg, Treptow und Friedrichshain, liegt eine der beliebtesten Partymeilen der Hauptstadt. Clubs, Bars, Restaurants – was vor einigen Jahren noch mit dem Etikett „Das Viertel kommt so langsam“ geadelt wurde, ist jetzt ein Muss für feierlustige Berlin-Besucher – ob aus Kamen oder Kentucky.

„Es gibt keine gemeinsame Vision für diese Stadt“

Aber auch hier klebt es an den Ampeln und Laternenmasten: „Berlin doesn’t like you“. Fremdenfeindlichkeit beim lässigen Kreuzberger? „Die neue Intoleranz ist ein reales Phänomen“, sagt Andrej Holm, Stadtsoziologe an der Berliner Humboldt-Universität. Seine Diagnose ist bitter: „Es gibt keine gemeinsame Vision für diese Stadt.“

Die Mauer ist weg, aber viele Berliner igeln sich wieder ein. Die Hauptstadt – eher angstvoll und spießig, statt arm und sexy? 20 Jahre nach der Wende steht Berlin wieder an einem Wendepunkt: Der Tourismus wächst, längst kommt jeder dritte Gast aus dem Ausland. Die Mieten im Zentrum steigen – aber bei vielen Berliner kommt der Aufschwung nicht an. Das macht schlechte Laune.

Aber auch Gutverdiener haben Angst: Um ihre schicken Altbauquartiere, um die biedermeierliche Gemütlichkeit mit Stuckidylle und Bioladen. Wenn dann Touristentrupps mit Rollkoffern und Bierflaschen nachts um drei über das Kopfsteinpflaster der Wohlfühl-Enklaven rattern, ist die Katerstimmung perfekt. Wirtschaftlicher Stress plus urbane Überforderung – willkommen im Berliner Alltag.

Dessen Ruhe wird gerade doppelt gestört: U-Bahn-Gewalt, brennende Kinderwagen in Hausfluren. Seit mehr als einer Woche fackeln Unbekannte nachts Autos ab – und keiner weiß warum. Linksextremismus, Versicherungsbetrug oder diffuse Frusttaten? Ein Kinderwagen-Brandstifter, der im Juli in Prenzlauer Berg unterwegs war, gab bei seiner Festnahme als Tatmotiv „Hass auf Schwaben“ an. Der Schwabe – seit Jahren schon Berlins liebster Sündenbock.

Besorgte Bürger – spießiger Aktivismus

Wem gehört Berlin? Das ist die Frage, um die alles kreist. In den schicken Straßen um den Hackeschen Markt ist sie längst beantwortet. Mädchentrupps aus ganz Europa schieben durch die Läden, Reisegruppen machen Shoppingpause. „Die Stiefel hier, was kosten die?“ Die Verkäuferin guckt überrascht. „Sorry?“ Ach so. Man spricht Englisch. Nicht aus Coolness, sondern weil die meisten Kunden eh kein Deutsch verstehen.

Noch gibt es keine Kampagne für eine Deutschpflicht in Berliner Läden. Doch scheint der liberale „Tagesspiegel“ genau das von den Berliner Angstbürgern zu befürchten, wenn er vorsorglich unter der Überschrift „Sorry, kein Deutsch“, darauf hinweist, dass hier jetzt eben die Gäste den Ton angeben. Die Rede ist ausdrücklich von „Gästen“. Nicht von Fremden.

Besorgte Bürger, spießiger Aktivismus – wenige Wochen vor der Wahl am 18. September strauchelt das für seine Liberalität berühmte Berlin. Und sucht oft falschen Halt: Mit Entsetzen lasen viele im Wahlprogramm der Berliner Grünen in Kreuzberg-Friedrichshain, dass Mieter Milieupolizei spielen sollen und dem Amt melden, wenn Wohnungen mit Parkettböden oder Fliesen im Bad aufgewertet werden. Mit Spitzeln gegen Luxussanierung? „Warum nicht gleich ein grüner Blockwart?“ ätzte das Stadtmagazin „tip“. Die Nerven liegen blank.

 
 

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