Der Tod des Darrius Kennedy - Polizisten schossen zwölf Mal

Dirk Hautkapp
Öffentlicher Tod am Times Square: Das Foto zeigt den Augenblick kurz vor den tödlichen Schüssen.
Öffentlicher Tod am Times Square: Das Foto zeigt den Augenblick kurz vor den tödlichen Schüssen.
Foto: AP
Tod an einem der belebtesten Plätze der Welt: Passanten filmten am New Yorker Times Square mit Handy-Kameras die letzten Minuten im Leben von Darrius Kennedy. Der mit einem Messer bewaffnete Mann wurde von Polizisten erschossen. Sieben Kugeln trafen. Stadt- und Polizeiführung erklärten den Einsatz für angemessen. Angehörige übten Kritik.

New York. Die Kreuzung der Welt hat schon so ziemlich alles gesehen. James Dean im Regen. Den berühmten Matrosen-Kuss kurz nach dem Krieg. Huren, Taschendiebe und Drogen-Dealer. Terror-Planer und frierende Sylvester-Sekundenabzähler. Den fast nackten Cowboy und andere Glücksritter, die pausenlos dahin strömen, wo New York eine einzige wild blinkende und piepsende Videospielkonsole ist. Doch nun machte Darrius H. Kennedy aus Hempstead/Long Island im tödlichen Zusammenspiel mit der Polizei den „Times Square“ zur makabren Bühne für den Tod.

Dutzende Freizeit-Voyeure, die den beliebtesten Tummelplatz Manhattans zur Tatzeit bevölkerten, haben mit ihren Mobiltelefon-Kameras festgehalten, was geschehen kann, wenn man im „Big Apple“ den Anweisungen der Ordnungsmacht nicht Folge leistet. Der 51-Jährige war den Cops gegen 15 Uhr vor dem „Hard Rock Café“ aufgefallen, als er sich einen Marihuana-Joint ansteckte. Verboten. Als er sich seiner Festnahme widersetzte und mit „aggressiver Körpersprache“, wie Polizeichef Raymond Kelly später erklären sollte, nebst einem Ikea-Messer mit 15 Zentimeter langer Klinge auf den Weg machte und Passanten bedrohte, schritt ein gutes Dutzend Officer zur Tat.

Er ignorierte sämtliche Appelle

Mit gezogenen Pistolen verfolgten die Beamten den verwirrt wirkenden Mann mit den Rasta-Locken, der Augenzeugenberichten nach mehrfach „Ich mach’ euch fertig“ und „Erschießt mich!“ gerufen haben soll. Kategorische Aufforderung: Stichwaffe niederlegen! Kennedy ignorierte sämtliche Appelle, stieß nach den Worten von Polizeisprecher Paul Brown wüste Drohungen aus, und lief weiter. Selbst Pfeffer-Spray brachte ihn nicht zum Stehen. „Es war erst wie bei den Dreharbeiten an einem Filmset“, gaben zwei Brasilianer der Zeitung „Village Voice“ zu Protokoll.

Das Touristen-Pärchen war gerade aus einem Restaurant auf die Straße getreten und mit einer Rotte von anderen Schaulustigen den Einsatzkräften mit gezückten Handy-Kameras gefolgt -- „dann fielen auch schon die Schüsse“. In Höhe der 37. Straße feuerten drei Beamte aus nächster Nähe zwölf Mal auf den ehemaligen Profi-Bassgitarren-Spieler, sieben Kugeln trafen. Kennedy soll zuvor mit dem Messer auf sie zugestürmt sein. Er starb kurz darauf im Bellevue-Krankenhaus.

Danach sammelte die Polizei Handys ein

Etliche Touristen berichteten später, die Polizei habe danach reihenweise Handys konfisziert. Dabei gilt der berühmte Straßenabschnitt mit über 80 fest installierten Überwachungskameras als einer der öffentlichsten Orte Amerikas.

Polizeichef Kelly bezeichnete das Verhalten seiner Beamten als „angemessen“. Bürgermeister Michael Bloomberg erklärte, die Polizei habe „wahrscheinlich verantwortlich“ reagiert. Margaret Johnson, eine Verwandte des Opfers, sagte der „New York Times“, der Einsatz gegen ihren Neffen, der sich 2008 nach mehreren Festnahmen wegen Herumlungerns, Sachbeschädigung und Drogenmissbrauchs einem psychiatrischen Gutachten unterziehen musste, sei mit zwölf Kugeln „unverhältnismäßig“ gewesen. So viele Patronen brauche man ja nicht mal für ein Pferd, sagt sie.

Keine zwei Stunden nach dem Zwischenfall erschienen die ersten Bilder und Nachrichten von der Tragödie. Auf den Laufbändern und tennisplatzgroßen Bildschirmen am Times Square.