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Der Müll und das Meer

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Essen. 

In zehn Meter Wassertiefe offenbart sich die Katastrophe in ihrer schrecklichsten Dimension. „Beim Blick Richtung Wasseroberfläche erkennt man mehr bunte Plastiksprenkel als Plankton”, berichtet Thilo Maack, Meeresbiologe und Taucher bei Greenpeace. Brandung, Wellen, Sonnenlicht und Reibung knabbern von unten an der wahrscheinlich größten Plastikmüllkippe der Welt. Auf einer Fläche, die die Größe Zentraleuropas erreicht, kreist der gigantische Müllteppich im Nordost-Pazifik, zwischen Hawaii und dem amerikanischen Festland.

Per Zufall ist der leidenschaftliche Segler Charles Moore 1997 in die riesige Plastiksuppe geschippert. Was am Horizont zunächst interessant bunt schimmert, entpuppt sich als Meer aus Einwegrasierern, Bechern, Flaschen, CD-Hüllen, alten Fischernetzen. „Es hört sich unglaublich an, aber es gab um uns herum keinen sauberen Flecken. Egal, wann und wo ich aufs Meer schaute, immer sah ich den Müll um uns herumschwappen”, erinnert sich Moore im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Sicher, überall im Meer schwimmt Plastikmüll herum. 20 Millionen Tonnen sollen es allein im Mittelmeer sein, vermutet Robert Groitl, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Green-Ocean”. Weltweit sollen es nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen 100 Millionen Tonnen sein. Müll, der an irgendwelchen Küsten achtlos ins Wasser geworfen wurde, Müll der von Deponien verweht wurde, zu einem Fünftel auch Müll von Schiffen. „Bis zu 16 Jahren kreiseln die Plastikteile an der Oberfläche, bis sie durch die fünf großen Strudel und Strömungen der Ozeane zwischen Hawaii und Amerika auf den Teppich treffen”, berichtet Maack. Japanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass jedes Plastikteil irgendwann im Nordpazifik landet.

Und sie haben noch etwas entdeckt: Während sich der Plastikmüll langsam auflöst, setzt er giftige Partikel frei. An den Plastikteilchen selbst setzten sich giftige Substanzen fest. „Das gilt für alle chlororganischen Verbindungen bis hin zum Dioxin”, sagt Maack. Dieser Prozess hat fatale Folgen für Mensch und Tier. „Unzählige Meeressäuger sterben, weil sie sich in dem Müll- Teppich verfangen oder durch das Verschlucken dieser unverdaulichen Beute elend zu Grunde gehen”, sagt Groitl. Maack wird den Anblick von verendeten Albatros-Küken am Strand von Hawaii nie mehr vergessen: „Da liegen verweste Küken im Sand. Das Einzige, was biologisch abbaubar ist, ist das Tier”. Drei von fünf Jungtieren verhungern und verdursten in den ersten sechs Lebensmonaten, da die Plastikteile ihre Mägen verstopfen und keinen Platz für Flüssigkeit und echte Nahrung lassen. Über Meeresbewohner, die die Giftdröhnung überleben, gelangen sie in die Nahrungskette. „Seefisch ohne Schadstoff gibt es nicht mehr”, behauptet der japanische Geomechaniker Hideshige Takada.

Einfach abfischen kann man den Müllberg nicht. Unendlich teuer würde die Aktion vermuten Meeresbiologen. Zudem fühlt sich kein Land der Welt zuständig, weil der Müll in internationalen Gewässern kreiselt. Und die kleinen, gefährlichen Partikel, wären zudem kaum zu bergen.

Helfen kann man dem Meer daher zurzeit nur durch ein geändertes Verhalten. „Jeder Mensch sollte so weit wie möglich auf Plastik verzichten und ihn auf jeden Fall verantwortungsbewusst entsorgen”, rät Maack. Bis ein Umdenken greift, bleibt zu befürchten, dass sich Moores Vision bewahrheitet: „Ich bin davon überzeugt, dass das hervorstechendste Merkmal der Meeresoberflächen dieser Welt der Plastikmüll ist.”