Der Mord-Vorwurf trieb sie in den Tod

Petra Koruhn
Ihr wurde vorgeworfen, Patienten mit Morphium umgebracht zu haben. Sie sagte, sie wollte helfen. Jetzt ist die Ärztin Dr. Mechthild Bach selbst tot. Gestorben an einer Überdosis Morphium.

Essen/Hannover. Immer wieder hat sie beteuert, dass sie alles getan habe, um das Leid der Kranken zu lindern. Die Richter des Landgerichts Hannover jedoch sahen das anders. Sie warfen der Ärztin Dr. Mechthild Bach vor, Patienten mit Morphium getötet zu haben. Am Montag hat die 61-jährige Ärztin ihrem Leben ein Ende gesetzt – auch dies geschah mit einer Überdosis Morphium. Doch ihr Tod sei kein Schuldeingeständnis, sagt ihr Verteidiger Matthias Waldraff.

Ihre Freunde, darunter eine Reihe Patienten, zeigten sich betroffen. „Sie war eine von Idealismus geprägte Ärztin, die zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihre Patienten da war“, so ein befreundetet Zahnarzt.

Dass sie das Gericht nach dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung in der letzten Woche überraschend auch wegen Mordes zur Verantwortung ziehen wollte, „hat sie geradezu schockiert“, so ihr Verteidiger Matthias Waldraff.

War die Todesursache in 13 Fällen nun durch eine Überdosis Morphium bedingt oder nicht? Dazu tobte über Jahre ein Gutachterstreit. Die einen konnte kein kriminelles Vorhaben erkennen. Die anderen jedoch – allen voran der Bochumer Palliativmediziner Prof. Michael Zenz – waren davon überzeugt.

Auf Kaution frei

Mechthild Bach, die in Wuppertal aufwuchs und sich 1987 in der Nähe von Hannover mit einer eigenen Praxis niederließ, gab bereits früh Anlass für Ungereimtheiten. 2003 hatte eine Routine-Untersuchung der Paracelsuskliniken, in der sie als Belegärztin arbeitete, den Stein ins Rollen gebracht. AOK-Ermittler warfen Bach bei der Morphium-Gabe vor, „massiv gegen Regeln der Heilkunst“ verstoßen zu haben. Die AOK erstattete Anzeige. Zwei Jahre später wurde Bach festgenommen, nach 22 Tagen U-Haft kam sie nach einer Zahlung von 40.000 Euro wieder frei. Sie werde nie wieder ins Gefängnis zurückkehren, sagte sie damals. Nach wenigen Monaten wurde der Prozess abgebrochen. 2009 startete er neu.

Das Gericht kam letzte Woche zu dem Ergebnis, dass in den bisher erörterten sechs von 13 Fällen davon auszugehen sei, „dass die Patienten nicht eines natürlichen Todes gestorben sind“, so der Kammervorsitzende Wolfgang Rosenbusch. Er sieht deutliche Anhaltspunkte dafür, dass Bach den Tod der sechs Patienten vorsätzlich durch die Verabreichung von Morphium und Valium herbeigeführt habe. „Zudem muss in zwei Fällen geprüft werden, ob nicht auch das Mordmerkmal der Heimtücke vorliegt.“

Das Besondere an den Fällen ist auch: Keiner der Patienten hätte den Wunsch geäußert, sterben zu wollen, so Rosenbusch. In den zwei besonders kritisch bewerteten Fällen seien die schwer kranken Patienten außerdem bei klarem Bewusstsein gewesen, als sie die tödlichen Dosis der Schmerzmittel erhielten, so die Ausführungen des Gerichts. Da die Patienten „nichts von diesen Gaben“ wussten und somit arg- und wehrlos gewesen sein könnten, komme in den beiden genannten Fällen auch eine heimtückische Tötung in Betracht.“ Die Ärztin jedoch betonte stets, keine lebensverkürzenden Maßnahmen bei ihren Patienten eingesetzt zu haben. Die Behandlung sei ausschließliche zu Schmerzlinderung und Schmerzbegleitung gewesen.

Kritiker hatten immer wieder ihr selbstherrliches Verhalten moniert. So hätte sie auf die Frage, woran sie merke, dass ein Mensch im Sterben liegt, geantwortet: „Ich spürte, wenn ein Patient keine Aura mehr hat, keine Energiefelder.“ Sie sprach von Sterbehilfe. Das Gericht konnte allerdings in keinem Fall erlaubte passive Sterbehilfe erkennen.

Großer Befürworter

Gutachter Zenz, einer der Vorreiter der Palliativmedizin, gilt als Befürworter von Morphium in der Schmerztherapie. Auch gegen kritische Stimmen wurde er nie müde zu betonen, welch hervorragendes Mittel es sei: „Jeder Mensch, der Schmerzen hat, sollte ausreichend Morphium erhalten.“ Aber eben nur der, der Schmerzen hat.