Der Knigge für Bahn-Fahrer - so verhalten Sie sich richtig

Kirsten Simon
Einer spricht - und alle hören zu. In Bussen lange zu telefonieren, gilt als unhöflich.
Einer spricht - und alle hören zu. In Bussen lange zu telefonieren, gilt als unhöflich.
Foto: Getty
Was ist im Zug erlaubt? Was ist unverschämt? Ein Knigge-Experte erklärt, auf was Bus- und Bahnreisende achten sollten. Streitthemen sind das Handy, Essen und Trinken oder die richtige Gepäck-Aufbewahrung.

Essen. Der eine quasselt pausenlos in sein Handy, der andere schmatzt und spuckt Brotbröckchen auf seinen Nebenmann. Der nächste blockiert mit dem Rucksack den Nachbarsitz. – Wenn viele fremde Menschen auf engem Raum zusammentreffen, fällt Achtlosigkeit besonders auf. Das Bahnfahren bringt uns manche Zeitgenossen näher, als es uns lieb ist. Besser wäre in solchen Situationen, wenn sich alle an bestimmte Empfehlungen halten würden. Dr. Hans-Michael Klein von der Knigge-Akademie in Essen zählt die wichtigsten auf.

Ein- und Aussteigen

Eine komplexe Situation, alle sind in Eile. In die eine Richtung, weil sie schnell raus möchten und einen Anschlusszug erreichen müssen, in die andere Richtung, weil sie Angst haben, keinen Platz zu bekommen oder in der Tür eingeklemmt zu werden. „Zuerst sollten die Leute aussteigen können, deshalb werden auf dem Bahnsteig vor den Türen Gassen gebildet“, erklärt Klein. Jüngere sollten Älteren bei schwerem Gepäck helfen, davon haben alle etwas, weil es dann zügiger geht.

Das Gepäck

Es ist in Zügen oft störend, besonders wenn es so aufgestellt ist, dass bloß professionelle Hürdenläufer eine Chance haben, verletzungsfrei durch die Gänge zu kommen. Der Knigge-Experte empfiehlt: „Bei großen Koffern oder mehreren Gepäckstücken zunächst ein Teil im Türraum stehen lassen, aber so, dass es andere nicht behindert. Dann den Sitzplatz suchen und das Gepäck erst verstauen, wenn sich der Trubel gelegt hat.“ Nicht gern gesehen ist es, wenn Taschen oder Koffer auf dem freien Nachbarsitz landen – das Gepäck hat’s bequem, Gäste müssen stehen, so nicht! „Spätestens wenn es voll wird, sollten die Sitze frei gemacht werden.“

Telefonieren

So ein Abteil bietet viel Platz für Quasselstrippen. Leider. Talkshows auf Schienen gehören zu den größten Streitpunkten in der Bahn. Die meisten fühlen sich gestört, sie wollen nicht zuhören, wenn Schatzi seinen Hasi ganz doll vermisst oder wenn detailliert die Erlebnisse von der Zahn-Operation in das Handy posaunt werden.

Kurze Anrufe werden von den Mitreisenden geduldet, lange Plauderstunden werden als nervend empfunden. „Keiner sollte in dieser Umgebung nur aus Langeweile telefonieren“, sagt Hans-Michael Klein. Viele machen es trotzdem, und zwar gerne laut, stellt Christof Dörr fest, der das Buch „Nö, du störst nicht. Ich bin gerade in der Bahn“ geschrieben hat.

Computer und Zeitung

Gegen beides ist nichts einzuwenden, zunächst einmal. Aber auch hier gibt es Empfehlungen. „Keiner möchte einen Sitznachbarn neben sich haben, der einem rücksichtslos die Zeitung vor die Nase schlägt“, sagt der Knigge-Experte. Wer seinen Rechner dabei hat, darf Filme ansehen (mit Kopfhörern), Pornos oder Horrorfilme müssen selbstverständlich draußen bleiben. Und: Es gilt als unhöflich, auf fremde Bildschirme zu starren.

Auch an Geschäftsleute und Studenten richtet sich eine Empfehlung: Wer an seinem Laptop arbeitet, ist gut beraten, dieses leise zu tun. „Manche Hacker schlagen so laut auf die Tasten, dass es anderen den letzten Nerv raubt.“ – Über sich ergehen lassen, sollte man es trotzdem. Die Knigge-Regeln sagen nämlich auch, dass es unhöflich ist, andere auf jedes Fehlverhalten aufmerksam zu machen.

Essen und Trinken

Eine Zugfahrt, die macht durstig, eine Zugfahrt, die macht Hunger. Beide Bedürfnisse dürfen gestillt werden. Doch auch hier gehört Feingefühl dazu. Matjesbrötchen mit Zwiebelringen, Döner mit Knobisoße oder Nachos mit Käsetunke sind ein Fall für die Geruchspolizei. Alkohol in Maßen findet der Knigge-Mann in Ordnung. Damen-Clübchen dürfen ihre Tour nach Hamburg also gerne mit einem Prösterchen starten, aber bitte nicht so viel trinken, dass sie die Mitreisenden zu einer Polonaise durch die Waggons überreden wollen.

Grundsätzliches

Es gehört sich auf Zugfahrten, den Sitznachbarn zu begrüßen und sich vor dem Aussteigen von ihm zu verabschieden. „Vorstellen muss man sich nicht. Es sei denn, es ergibt sich im Gespräch“, sagt Hans-Michael Knigge. Weitere Empfehlungen: Fremden Menschen nicht zu sehr auf die Pelle rücken. – Auf Körperhygiene achten (aber nicht im Abteil anfangen, die Nägel zu feilen). Und bitte keine Meisterschaft im Armlehnen-Besetzen ausrichten.