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Der Gag heiligt bei Markus Lanz die Mittel

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Archivbild Foto: dpa
Beim Talk gelingt dem Moderator das, was er bisher bei „Wetten, dass..?“ vermasselt hat. Markus Lanz wirkt oft leicht, locker, ja lustig. Was läuft spätabends in kleiner Runde anders als vor großer Kulisse? Eine Analyse.

Mainz. 

Markus Lanz erlebt dieser Tage alles andere als einen lauen Lenz. RTL-Prolls als „Wetten, dass..?“-Gäste wurden als Fernsehmüll geschmäht. Doch kaum gelobt der 44-Jährige, nur noch seriöse Gäste einzuladen, ätzt Branchendienst „turi2.de“, das ZDF wolle den Show-Klassiker „seniorentauglich“ machen. Lanz in Not.

Ein ganz anderes Gesicht präsentiert Markus Lanz indes in seinem gleichnamigen Spätabend-Talk. In seinen besten Momenten ist er leicht, locker, ja lustig. Seit 2008 ist seine Plauderrunde für die TV-Nation das Betthupferl. Am Mittwoch, 23.15 Uhr, feiert Lanz Jubiläum: die 500. Ausgabe. Warum gerät ihm in kleinem Kreis, was in großen Hallen scheitert?

Einzelgespräche auf Englisch kann er nicht

Eines vorweg: Schwach ist Lanz im Einzelgespräch mit Gästen, die auf Englisch antworten. Dann ist er lanzweilig. Bei Bill Gates war das so. Richtig gut ist Lanz nur in kleiner Runde. Doch dann stehen die Chancen gut, dass er sie rockt.

Nehmen wir eine Ausgabe vom April. Fünf Gäste hat Lanz geladen, vorwiegend Prominenz. Christdemokrat Heiner Geißler steht für den weisen Mann der Politik, Ex-MDR-Intendant Udo Reiter, Rollstuhlfahrer, münzt Handicap in Hoffnung um, Jürgen Becker bedient die Abteilung Launig, Christina Stürmer ist das Pop-Girlie, und, ja, eine weithin unbekannte Ordensschwester soll Kirche und Courage miteinander versöhnen. Der Gäste-Mix funktioniert nach dem Prinzip Wundertüte. Überraschungen sind zwar nicht garantiert, aber auf jeden Fall erwünscht. Erwünscht ist auch, dass Tiefgang und Flachsinn, Ernst und Komik aufeinanderprallen – wobei zu vormitternächtlicher Stunde niemand ernsthaft erwarten darf, dass der Moderator Gästen und Zuschauern mit bleischweren Gedanken eine Vorlage für deprimierende Alpträume gibt.

Lanz gibt äußerlich mit Anzug und Krawatte den Seriösen

Im Gegenteil: Lanz gibt zwar, wie Harald Schmidt, mit Anzug und Krawatte den Seriösen. Doch bei der Vorstellung seiner Gäste bricht jungenhafter Spaß aus Lanz heraus. Ganz so, als sei er wahnsinnig begeistert von seinen eigenen Gags, trägt er glucksend die Vita seiner Gäste vor, mal angedeutet anzüglich, mal einen Tick zu intim.

Lanz erhebt den Kalauer zur Kunst. Er liebt den Flirt mit Tabus. Der Gag heiligt die Mittel. Vordergründig scheint der Gastgeber an einer Kuschelatmosphäre in seinen orangefarbenen Studio mit kleinem Live-Publikum interessiert zu sein, in dem er sich bei Fragen oft gaaanz weit zu seinen Gesprächspartnern vorbeugt. Tatsächlich aber stellt er listig Fallen.

Lanz spielt mit seinen Gästen. Verständnis-Gesten sollen sie einlullen. Tatsächlich will er ihnen unerwartete Reaktionen entlocken, am besten gar Geheimnisse. Antworten sie, wie Geißler, ausweichend, setzt der Moderator nach. Dann schaltet der Mann mit dem Dauergrinsen um in den Attacke-Modus. Er löst sich von seinen Karteikarten, bohrt nach, unterstützt von dominanter Zeigefinger-Geste.

Talk-Novizen gehen Lanz in die Falle. Das ist zum Gähnen, und die Zuschauer sympathisieren eher mit den Opfern des Moderators. Spannender ist es, wenn Lanz, wie im Fall Geißler, ein ebenbürtiger Gegner gegenüber steht. Beide sind so leichtfüßig wie schnell im Kopf, dass es einfach nur Spaß macht, dem Rede-Duell zu folgen – zumal Lanz es versteht, immer wieder weitere Gäste einzubeziehen.

Der TV-Star konzentriert sich beim Talk aufs Wesentliche

Das gelingt, weil sich der TV-Star aufs Wesentliche konzentriert. Gespräch pur statt komplizierter Abläufe nach starrem Plan. Deshalb kennt „Markus Lanz“ nur Gewinner, wenn es gut läuft. Der Moderator holt starke Quoten, Medien-Profis steigern ihren Marktwert, und Zuschauer gehen mit einem Lächeln ins Bett. Und Lanz weiß das auch. Wetten, dass..?