Der Ex-Kanzler wird 70

Das war 2002: Der einstige Mittelstürmer des TuS Talle aus Kalletal hat auch ein Trikot des FC Schalke 04
Das war 2002: Der einstige Mittelstürmer des TuS Talle aus Kalletal hat auch ein Trikot des FC Schalke 04
Foto: WP Peter Beil
Gerhard Schröder wird heute 70 Jahre alt. Er holt die Kinder von der Schulbushaltestelle ab, geht mit Terrier Holly am Maschsee spazieren, hält Vorträge, stellt Bücher vor und genießt die Kunst. Und er steht zu seiner Freundschaft mit Wladimir Putin

Er hält Vorträge, stellt Bücher vor und ist als Wirtschaftsmanager weltweit gefragt, unter anderem als Aufsichtsratschef von „Nord Stream“. Nicht nur am Flughafen Zürich, wo die Aufsichtsratssitzungen häufig stattfinden, kann man Gerhard Schröder treffen, sondern auch in Berlin beim Italiener, im „Cinque“. Daheim in Hannover erwischt man ihn gelegentlich an der Schlange vor der Supermarktkasse, häufig auch morgens am Ufer des Maschsees, wenn der Alt-Kanzler mit Terrier „Holly“ spazieren geht.

Es gibt ein Leben nach der Kanzlerschaft – mit allen Widrigkeiten. „Wenn Sie mal Kanzler waren“, hat Schröder in dem kürzlich erschienen Interview-Buch „Klare Worte“ gesagt, „können Sie keinen anderen Politikerberuf mehr ergreifen.“ Dann also: Die Wirtschaft, großes Geld. „Meine Freiheit“, sagte er gleich nach seiner Abwahl 2005. „Und wer da meint, er müsse das kritisieren, der kann mich mal.“ An der Haltung hat sich nichts geändert, aber Kritik wird ihm heute im Rathaus erspart, wenn Hannover den runden Geburtstag des Ehrenbürgers feiert.

Zum 70sten werden gewiss alle da sein, Peter Hartz und Walter Riester, um nur zwei Mitstreiter zu nennen, aus Hannover Scorpions-Sänger Klaus Meine oder der Multimillionär Carsten Maschmeyer. Am Vorabend hatte die SPD für ihn einen Empfang in Berlin im Restaurant Sarah Wiener im „Hamburger Bahnhof“ gegeben, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Das passt zu ihm.

Viele Künstler kennt er persönlich

Wenn er Zeit hat, besucht er Ausstellungen, schaut sich die Kataloge mit den Werken an. Viele Künstler kennt er persönlich, mit einigen war oder ist er befreundet, zum Beispiel mit dem verstorbenen Maler Jörg Immendorff, von dem Schröders Porträt für die so genannte Kanzlergalerie stammt.

Als Gerhard Fritz Kurt Schröder am 7. April 1944 auf einem Bauernhof in Mossenberg geboren wurde, wurde ihm an seiner Wiege nicht gesungen, dass er mal in solchen Künstlerkreisen verkehren oder gar Kanzler werden würde. Sein Vater fiel im Weltkrieg – in Rumänien – , die Witwe musste die Kinder allein versorgen.

Über seine Kindheit in Talle, einem Ortsteil der Gemeinde Kalletal im Kreis Lippe, weiß man nicht viel, außer, dass Schröder in Armut aufwuchs und beim Fußball „Acker“ genannt wurde. Er war Mittelstürmer und noch größer als der Zug zum Tor war sein Drang nach oben: Er wurde Jurist und ging in die Politik. Der Rest ist bekannt.

Zwei Adoptivkinder kommen aus Russland

Er ist der klassische Aufsteiger und hat es gern gezeigt: Edle Anzüge von Brioni, Cohiba-Zigarren, teure Barolo-Weine. In der SPD haben sie die Nase gerümpft. In Wahrheit lebt er den sozialdemokratischen Traum vom Aufstieg. Schröders Steher-Qualitäten als Wahlkämpfer sind legendär. Nie wird die SPD auch sein Nein zum Irak-Krieg sowie den Atomkonsens vergessen.

Fast so umstritten ist auch seine Freundschaft mit Präsident Wladimir Putin. In der Krim-Krise gehört er zu den wenigen Politikern, die nicht mit erhobenem Zeigefinger gegenüber den Russen agieren. Unbestritten sind Schröders Verdienste um das deutsch-russische Verhältnis.

Und nicht ganz zufällig kommen seine zwei Adoptivkinder aus Russland. Seit seine Ehefrau Doris in der Landespolitik aktiv ist, haben sie in der Kleinfamilie die Rollen getauscht. Jetzt wartet schon mal der Alt-Kanzler an der Haltestelle auf die Kinder.

 
 

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