Das Lastenfahrrad ist auf dem Vormarsch

Ladefläche zwischen Lenker und Vorderrad: das „Load hybrid“ von Riese & Müller (ab 4.499 Euro).
Ladefläche zwischen Lenker und Vorderrad: das „Load hybrid“ von Riese & Müller (ab 4.499 Euro).
Foto: www.r-m.de | pd-f
Sie heißen "Backpacker" oder "Long John": Lastenräder sind in Deutschland zwar noch kein Massenphänomen. Das Aufkommen aber ist seit ein, zwei Jahren auch in Deutschland deutlich gestiegen, sagen Branchenexperten. Vor allem in dicht besiedelten Ballungsräumen hätten die Räder großes Potenzial.

Essen. „Das Lastenrad ist bei uns mit Sicherheit noch kein Massenphänomen so wie in Kopenhagen, wo 10 000 auf den Straßen unterwegs sind. Das Aufkommen aber ist seit ein, zwei Jahren auch in Deutschland deutlich gestiegen“, sagt Fahrradexperte Ralph Herbertz vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Die Radbranche sieht für Lastenräder vor allem in dicht besiedelten Gebieten großes Potenzial – für Privatleute wie auch für Wirtschaftsunternehmen. Herbertz: „Wir sind am Beginn einer spannenden Entwicklung.“

Die Kardinalfrage

Die erste Frage bei der Wahl eines Lastenrads: Was will ich zu welchem Zweck transportieren und wie sind die Strecken beschaffen, die ich am häufigsten nutze. Möglich ist der Einsatz eines Lastenrades zum Transport von Kindern oder Einkäufen, für private Zwecke also, aber auch Unternehmen haben laut Angaben des Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie des ADFC das Lastenrad für Transporte in verdichteten Wohngebieten entdeckt. In mehreren deutschen Städten laufen mit Unterstützung von Handwerks-, Handelskammern und Politik Pilotprojekte zum Einsatz des Lastenrades im Wirtschaftsverkehr, unter anderem in Dortmund.

Die Deutsche Verkehrszeitung ist sich sicher: „Das Lastenrad kommt – aber welches?“ Und Siegfried Neuberger vom Zweirad-Industrieverband sagt: „Das Thema Lasten- und Transportfahrräder gewinnt an Bedeutung.“ Nach einer vom VCD zitierten Studie lägen 51 Prozent der innerstädtischen Transporte unter 250 Kilogramm Gewicht, einem Kubikmeter Volumen und sieben Kilometern Distanz, wären also per Lastenfahrrad zu machen.

Zwei oder drei Räder

Während die Dänen gern zum dreirädrigen Lastenrad greifen, sind die Niederländer meist mit dem Lastenzweirad unterwegs, so der VCD. Vorteile der Zweiräder sind laut ADFC die zu erreichenden höheren Geschwindigkeiten, die größere Fahrstabilität und Spurtreue aufgrund eines längeren Radstandes sowie die geringeren Ausmaße. Zweiräder seien meist nicht breiter als der Lenker, so der ADFC. Vorteil der Lastendreiräder sind die größere Ladekapazität und der sichere Stand.

Vorne, hinten, Mitte

Bei Lastenzweirädern gibt es unterschiedliche Bauformen. Entscheidend dabei ist die Frage, wo die Last transportiert werden soll.

Die sogenannten Backpacker zeichnen sich durch einen nach hinten verlängerten Spezialrahmen aus. Das Gepäck oder auch zwei Kindersitze (hintereinander) werden auf dem Heck transportiert. Nach Einschätzung des ADFC sind sie vor allem für den Kindertransport gut geeignet und böten viel Platz für Gepäcktaschen. Sperrigere Güter ließen sich nicht ganz so gut transportieren. Und: Ladung, die in Taschen keinen Platz findet, müsse aufwendig gesichert werden.

Die sogenannten Long Johns transportieren Personen oder Gepäck zwischen Lenker und Vorderrad. Sie bieten Angaben des ADFC zufolge zumeist etwas mehr Platz fürs Gepäck. In unbeladenem Zustand ließen sich aber nicht ganz so leicht lenken.

Backpackern und Long Johns gemein ist, dass sie reichlich Platz brauchen und recht sperrig sind. Durch ihr großes Gewicht lassen sie sich von einer Person allein kaum tragen, etwa in den Keller. „Im Markt ist sehr viel Dynamik, es werden ständig neue, spezialisierte Modelle auch im Modulsystem entwickelt“, sagt Ralph Herbertz. Je nach Bedarf könnten Hinterbau oder Ladevolumina und -Art verändert werden. Bei der Größe ähneln die sogenannten Tiefeinsteiger mit speziellen Gepäckträgern vorn wie hinten herkömmlichen Rädern. Ausgestattet mit einem verstärkten Rahmen und kleinen Rädern können sie Lasten bis zu 50, 60 Kilo transportieren.

Mit Motor oder ohne

In Dänemark oder den Niederlanden haben 95 Prozent der Lastenräder keine Unterstützung durch einen Elektro-Motor. Laut VCD sei Deutschland in Sachen E-Bike aber sehr aufgeschlossen, weshalb die Kombination von Motor und Lastenfahrrad der Verbreitung zusätzliche Dynamik geben könnte – insbesondere im gewerblichen Einsatz. „Wenn Sie mit schweren Lasten in der Innenstadt fahren, wo sie oft bremsen und anfahren müssen, dann ist ein Motor attraktiv“, sagt Ralph Herbertz.

Die Preise

Normale Lastenzweiräder mit verstärktem Rahmen und speziellen Gepäckträgern gibt es bereits für etwa 700 Euro, Long Johns, Backpacker oder Dreiräder kosten meist deutlich mehr. Wer sich ein Lastenrad mit E-Motor zulegen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Der VCD beziffert die Preisspanne für Lastenfahrräder auf 1000 bis 5000 Euro.

Vor dem Kauf

ADFC und Verkehrsclub Deutschland raten vor dem Kauf eines Lastenfahrrades zu einer ausgiebigen Testfahrt. Viele Modelle seien in ihrer Handhabung gewöhnungsbedürftig. „Gute Händler bieten den Kunden längere Testfahrten an oder auch, dass der Kunde das Rad für ein paar Tage mieten kann. Kommt es zum Kauf, wird die Miete mit dem Kaufpreis verrechnet“, sagt Radexperte Ralph Herbertz. Der VCD bietet hier eine Umkreissuche an. Dort können Sie nach Händlern in Ihrer Nähe suchen, die Lastenfahrräder verkaufen bzw. Probefahrten anbieten. Auch für Lastenrad-Verleiher gibt es eine Umkreissuche.

 
 

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