Das Erbe der Expo in Hannover

Das ehemalige Expo-Gelände in Hannover zeigt sich nicht an jeder Stelle so blühend. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Das ehemalige Expo-Gelände in Hannover zeigt sich nicht an jeder Stelle so blühend. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Hannover. Vor zehn Jahren war „Nachhaltigkeit“ das Thema der Expo in Hannover. Doch geblieben sind vor allem Problemfälle. Ein Rundgang über das ehemalige Expo-Gelände.

Der Bedarf an gestapelten Landschaften liegt seit langem praktisch bei Null, aber in Hannover wären gerade wieder welche zu haben. Ein Rundgang über das ehemalige Expo-Gelände.

Mit Wiesen im dritten Stock und Bäumen, die das Dachgeschoss trugen, waren sie im Pavillon Hollands auf der Expo 2000 noch das Staunen der Welt: hängende Gärten des 20. Jahrhunderts. Zehn Jahre später sind ganze Betonstücke abgebrochen, erobern Natur und Graffiti den Klotz. Man möchte zum Einstürzen raten. Absperrgitter stehen ja.

Hannover, zehn Jahre nach einer Weltausstellung, deren Thema „Nachhaltigkeit“ war: Gutes bleibt. Was also? Es ist wie das Glas, das der eine als halbvoll bezeichnet und der andere als halbleer. Mitten auf dem Gelände jedoch findet sich eine Schar Menschen, die halten das Erbe hoch, die sind für immer verzaubert von diesem Expo-Sommer 2000: viele Fremde, Friede, Freude.

Das Gute und Schöne im Exposeeum

„Ich bin gerannt damals, um nichts zu verpassen“, sagt Eckhard Wähler. Beim ersten, beim zweiten, beim x-ten Besuch. Von 312 Mitgliedern betreiben 20 Aktive wie Wähler hier das „Exposeeum“: Modelle stellen sie aus, Souvenirs und Gastgeschenke und sind rundum entschlossen, das Gute und Schöne zu sehen. „Von den Länder-Pavillons sind ja viel mehr stehen geblieben, als geplant war“, sagt der Pensionär: „Vielleicht geht es weiter vorwärts, wenn die Wirtschaft wieder anzieht.“

Tritt man nämlich vor die Tür, bewegt man sich in eine zwiespältige Umgebung. Den Expo-Park, die damalige Achse: Da beheimatet der Pavillon von Finnland ausweislich der Firmenschilder die halbe kreative Klasse, Belgien ist ein Musikstudio geworden und Frankreich ein Autohaus, England ist belegt, Tschechien . . . Aber schon Deutschland steht meist leer, was man als Hinweis auf die Bevölkerungsentwicklung lesen könnte – doch die Türkei steht auch leer.

Und die dunkle Seite ist: China und Litauen sind vernagelt, Spanien und Holland vergammelt, Polen hat gebrannt. „Da ist vor einem halben Jahr der letzte Obdachlose ausgezogen, das ist immer ein schlechtes Zeichen“, sagt Wähler. In Polens Innerem finden dann noch die kleineren Stände südasiatischer Expo-Teilnehmer ihr beschädigtes Zuhause: „Laos P.D.R.“ steht daran oder „Kingdom of . . .“ Und teilweise ist einfach wilde Wiese über die ganze Sache gewachsen.

„Ich war auf dem Expo-Trip“

Nein, das sieht nicht gut aus; weniges ist so deprimierend wie futuristische Architektur, deren Fensterlöcher mit Spanplatten abgedeckt werden. Kritiker bemängeln den Zustand des Geländes, auf dem sich eigentlich Hannovers High-Tech-Zukunft hatte ansammeln sollen; und, dass nicht einmal ein Eiffeltürmchen blieb, ja nicht das allerkleinste Atomium. Im Expo-Park „ist das Nachnutzungskonzept gescheitert“, sagt daher in der ,FAZ’ Horst Schrage aus der Geschäftsführung der IHK.

Die Stadt aber hat profitiert: neue Straßen, neue S-Bahnen, ein neues Wohnviertel und ein neuer Sitz für die Fachhochschule. Der frühere „Planet M“ wird gerade saniert für sie, überhaupt bezog sie Expo-Büros. Und dann bleiben die Erinnerungen, die fast alle Hannoveraner teilen an einen fünfmonatigen Sommernachtstraum; sie sagen dann rauschhafte Sätze wie „Ich war auf dem Expo-Trip“, „Da kamen Könige und Prinzessinnen“ oder „Wir haben das nicht nur gesehen, sondern gelebt“. Und das ist dann doch keine schlechte Leistung für eine Veranstaltung, die damit begann, dass ganz Deutschland sich erregte über Bratwurst-Preise von 9,50 Mark.

„Sri Lanka“ ist jetzt eine Lagerhalle

„Aber keiner hat dazugesagt, dass sie einen Meter lang war“, sagt an dieser Stelle Heike Schuck vom „Exposeeum“. Wie gesagt, alles treue Freunde hier. Sie halten sogar nach, was aus den kleinen Pavillons wurde. Äthiopien? Nach Hause geholt. Sri Lanka? Lagerhalle einer Spedition in Krefeld. Das Riesenrad? Auf Tour. Monaco? Abgerissen. Planet of Visions? In Bochum verbrannt. Big Tipi? Auf einem Abenteuerspielplatz in Dortmund. Schweiz? Als Bauholz verkauft. Bhutan? Im Besitz einer buddhistischen Gemeinde. Und so weiter, und so fort.

Und dann sind da über 400 Gastgeschenke, die der Verein gleichsam in offizieller Funktion verwaltet. Ein Dolch, aus Jemen natürlich. Ein silberner Staubwedel aus Tunesien, eine Medaille von Hugo Chavez. Oder, benannt nach der Expo-Chefin, ein Buddelschiff „Birgit Breuel“. Das bleibt.

 
 

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