Cyber-Mobbing - die stumme Wut der Amanda Todd

Eine Frau sieht auf einen Monitor, der eine Internetszene mit dem Mobbingopfer Amanda Todd zeigt.
Eine Frau sieht auf einen Monitor, der eine Internetszene mit dem Mobbingopfer Amanda Todd zeigt.
Foto: Getty
Eine 15-jährige Kanadierin wurde im Internet gemobbt. Sie verabschiedete sich von der Welt mit stummer Wut. Dann nahm sich Amanda Todd aus der Nähe von Vancouver das Leben. Ihre Eltern beklagen, dass sie keine Hilfe bekommen haben.

Edmonton. Der Hilferuf war unüberhörbar. „Ich habe niemanden. Ich brauche Euch. Mein Name ist Amanda Todd.“ Mit diesen drei Sätzen beendete die 15-Jährige aus Kanada ihre Leidensgeschichte auf Youtube. Stumm, nur mit beschriebenen Karteikarten in der Hand, saß sie acht lange Minuten vor ihrer Webcam und ließ die Welt teilhaben an den Cyber-Mobbing-Attacken, denen sie über Jahre ausgesetzt war.

Karteikarte für Karteikarte hatte das Mädchen, das in der Nähe von Vancouver lebte, in dem Video von ihrem Leid berichtet. Von ihrem Peiniger, der sie im Netz erst zu einem Nacktfoto überredete und sie dann ein Jahr später vor der ganzen Welt bloßstellte, weil sie ihm nicht gefällig war. Sie berichtete von ihren Schulkameraden, die sie danach hänselten. Von den Schmäh-Mails, die sie jeden Tag aufs Neue auf ihrem Computer fand. Von ihren Weinkrämpfen und den vielen schlaflosen Nächten, die sie seit dem Vorfall mit dem Nacktfoto plagten. Von ihren Depressionen, ihrer Alkoholsucht und dem Selbstmordversuch mit Chemikalien.

Doch am Ende konnte Amanda Todd niemand mehr helfen. Vorletzten Mittwoch nahm sich das Mädchen das Leben. Seitdem haben sich über elf Millionen Menschen weltweit ihr trauriges Youtube-Video angesehen und ganz Kanada nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Am Wochenende fanden sich viele tausende Menschen zu spontanen Gedenkfeiern zusammen. In Kanada, aber auch in 40 Städten weltweit – in den USA, in Indien, in Europa. Im kanadischen Toronto legten am Freitag 300 000 Schüler während des Unterrichts eine Gedenkminute für Amanda Todd und all die anderen Opfer von Cyber-Mobbing ein.

Keine Chancegegen Hassattacken

In Todds Heimatstadt Port Coquitlam versammelten sich in der Dämmerung hunderte Freunde, Angehörige und Bewohner mit Kerzen in der Hand an dem Ufer eines Sees. Einer nach dem anderen stellten sie Kerzen auf den Waldboden. Zuletzt bildeten alle Kerzen ein Herz aus Flammen. Mittendrin lag ein Foto der Toten. „Sie wäre erstaunt gewesen, wie viele Menschen sie geliebt haben und ihr helfen wollten“, sagte ein Klassenkamerad einem Fernsehsender mit stockender Stimme und Tränen in den Augen. „Wir wussten nicht, wie ernst es um sie steht, und dann auf einmal war es zu spät.“

Eine Lehrerin ermahnte die anwesenden Eltern und Teenager zu mehr Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme. „Das Cyber-Mobbing muss aufhören. Wenn ihr was auf Facebook seht, dann müsst ihr uns Bescheid geben. Dann ist es unsere Pflicht, den Opfern zu helfen.“ Dutzende weiterer Teenager, die Opfer von Online-Mobbing geworden waren, nahmen an der Gedenkfeier teil und berichteten von ihren Erlebnissen.

Amandas Eltern konnten ihr nicht helfen

In den kanadischen Medien meldeten sich am Wochenende erstmals auch Amanda Todds Eltern zu Wort. Amandas verzweifelt wirkende Mutter Carol berichtete der „Vancouver Sun“, ihre Tochter sei offen mit ihrer Leidensgeschichte umgegangen und habe auch ihr davon erzählt. „Sie hat alles mit mir geteilt. Wir haben alles getan, um ihr zu helfen.“ Man habe sie zu Ärzten gebracht und zweimal in eine neue Schule geschickt.

Am Ende aber hatte auch Amandas Mutter keine Chance gegen die Hass-Attacken aus dem Netz. „Wir konnten unsere Tochter nicht sieben Tage rund um die Uhr beobachten. Wir hätten sie anketten müssen, um sie zu schützen.“ Amandas Vater Norm berichtete, seine Tochter sei stark gewesen und habe bis zum Schluss gegen ihre Peiniger im Netz gekämpft. Kurz vor ihrem Selbstmord habe sie ihm erzählt, dass sie sich ein Tattoo mit dem Satz „Bleib stark“ auf den Arm tätowieren lassen wolle. Nun werde er selbst das Tattoo in den Arm ritzen lassen. „Es ist das Letzte, was ich für meine Tochter tun kann.“

Todds Eltern beklagen wie viele Angehörige von Cyber-Mobbing-Opfern, dass sie sich hilflos und alleingelassen gefühlt hätten. Sie forderten die Politik und Schulen auf, schärfer gegen den Missbrauch im Netz vorzugehen. Studien zufolge sind in Kanada bis zu einem Drittel aller Schülerinnen und Schüler schon Opfer von Internet-Mobbing geworden. Ähnliche Zahlen sind in Deutschland ermittelt worden.

Aktionsplan gegen Cyber-Mobbing

Das bewegende Schicksal von Amanda Todd beschäftigt jetzt auch die Abgeordneten im kanadischen Parlament in Ottawa. Letzte Woche berieten sie in einer aktuellen Stunde über einen Aktionsplan gegen Cyber-Mobbing. Der Abgeordnete Dany Morin von den Sozialdemokraten berichtete von seinen eigenen Erfahrungen als Mobbing-Opfer. Jahrelang sei er gehänselt und gequält worden, weil Mitschüler gedacht hätten, er sei schwul, berichtete er im Parlament. Und fügte hinzu: „Das muss aufhören. Wir müssen endlich was tun.“

 
 

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