Brüssel fürchtet einen zweiten Fall Dutroux

Katrin Teschner

Brüssel. Es gibt „ein neues Monster, das ganz Belgien traurig macht“, schreiben Belgiens Zeitungen. Gemeint ist ein Mörder, genauer eine Mordserie, die den Brüsslern Angst vor einer Wiederholung des Dutroux-Kinderschänder-Falls in den 90ern macht. Auch das Verschwinden einer Deutschen wird neu untersucht.

In einem Film trägt Ronald Janssen Anzug und Krawatte; er sitzt in einer Kneipe, umringt von Gästen - ein fröhlicher Mensch, der anderen zuprostet und in die Kamera lacht. Im Netz kursieren viele solcher Videos; Janssen beim Grillen, bei Vereinsfesten, Janssen mit einem Glas Bier an der Theke. Sie zeigen nur die eine Seite eines Mannes, der in Belgien seit Tagen die Schlagzeilen beherrscht. Die andere ist sehr viel düsterer: Drei Menschen soll der Lehrer mindestens getötet und mehrere Frauen vergewaltigt haben - viele Belgier bezeichnen ihn deswegen schon als „zweiten Marc Dutroux“, weil immer neue, immer schauerlichere Details ans Tageslicht kommen.

Tatsächlich weckt der Fall böse Erinnerungen: In den 90er Jahren hatte der Kinderschänder Dutroux vier Mädchen getötet, nun erschüttert der Familienvater aus Loksbergen mit immer neuen Geständnissen das Land. Er gab zu, am Neujahrstag seine Nachbarin Shana und ihren Freund Kevin umgebracht zu haben. Dann erklärte er, dass er auch die 2007 verschwundene 18-jährige Annick vergewaltigt und erschlagen hat. Mehrere Vergewaltigungen in der Umgebung der Universität von Löwen hat er eingeräumt – und er steht außerdem in Verdacht, den Tod der 16-jährigen Carola Titze aus Vechta und weitere Morde auf dem Gewissen zu haben. Die Deutsche war 1996 an der belgischen Nordseeküste tot aufgefunden worden. Wieder ist von verschwundenen Mädchen die Rede und von einem Folterkeller, in denen sich unbeschreibliche Dinge abspielten.

Ronald Janssen, ein kaltblütiger Serienmörder und Serienvergewaltiger?

Charmantes geselliges Monster

„Er ist ein neues Monster, der ganz Belgien traurig macht“, schreibt eine belgische Zeitung. Doch anders als Dutroux stand Janssen nicht am Rand der Gesellschaft: Nachbarn und Bekannte beschreiben den 38-Jährigen als charmant und gesellig. Fast jeden Abend ging er in seine Stammkneipe, um mit Freunden zu plaudern. Er unterrichtete technisches Zeichnen in Herk-de-Stad, einer 12.000-Seelen-Gemeinde bei Hasselt und galt als liebevoller Vater von zwei Töchtern, acht und elf Jahre alt. „Der Mann hat kein typisches Profil. Niemand aus seiner unmittelbaren Umgebung hatte irgendeine Ahnung davon, zu was er imstande war“, sagt der Staatsanwalt der Stadt Löwen, Ivo Carmen. Allerdings gibt es auch Schattenseiten in seinem Leben: Janssens Ex-Frau hatte ihn einmal wegen sexueller Gewalt angezeigt.

Nun fürchten belgische Ermittler, dass noch mehr hässliche Details zutage kommen: Sie sind dabei, bisher ungeklärte Morde wieder neu aufzurollen. „Wir schließen nichts aus“, erklärte der leitende Staatsanwalt Marc Rubens. Sicherheitshalber wird Janssen alle siebeneinhalb Minuten in seiner Zelle kontrolliert – damit er keinen Selbstmord begeht.