Britischer Comedian Russell Brand mausert sich zu Polit-Revoluzzer

Russell Brand bei einem Auftritt in der New Yorker Wall Street im Oktober.
Russell Brand bei einem Auftritt in der New Yorker Wall Street im Oktober.
Foto: Getty
Russell Brand ist in erster Linie Comedian. Seit der Veröffentlichung seines Buches "Revolution" scheint er jedoch zunehmend die Rolle des politischen Revoluzzers einzunehmen. Weg von herkömmlicher Politik und hin zu mitunter extremen Charismatikern - ein neuer Trend in der britischen Bevölkerung?

London.. Kein Entkommen vor Russell Brand. Der britische Comedian scheint zur Zeit auf allen Kanälen des Königreichs präsent, wenn auch nicht als Komiker. Interview in „Newsnight“, der wichtigsten Politikshow der BBC. Zielscheibe von wütenden Kommentaren in der nationalen Presse. Auftritt in Frühstückssendungen im Radio. Russell Brands Streitgespräch mit dem Journalisten Owen Jones wurde in hunderten britischen Kinos live übertragen. Und das letzte Gerücht wollte wissen, dass Brand bei der nächsten Bürgermeisterwahl in London antreten wird. Das allerdings hat der 39-Jährige mittlerweile dementiert. Da gäbe es, meinte er mit Blick auf Boris Johnson, schon einen Clown im Amt.

Es ist erstaunlich. Der Mann, der sich bisher vornehmlich als Schauspieler in Krawallkomödien („Männertrip“, „Kein Sex mit der Ex“), ehemaliger Ehemann von Kate Perry und Stand-Up-Comedian hervorgetan hat, wird zur politischen Größe. Als Aktivist ist Brand schon vorher aufgefallen. Er setzte sich für die Palästinenser in Gaza, gegen den G-20-Gipfel in London und für mehr Spiritualität im Alltag ein. Doch jetzt scheint er, zumindest für die nicht unbeträchtliche Gemeinde seiner Fans – auf Twitter zählt Brand 8,4 Millionen Follower --, so etwas wie ein politischer Messias geworden zu sein.

"Es braucht eine Revolution"

Der Grund für das plötzliche Interesse: Russell Brand hat ein Buch veröffentlicht. „Revolution“ erschien Ende Oktober und verkauft sich prächtig. Das 372 Seiten lange Werk beklagt die allgemeine Misere: Der Planet wird langsam zerstört, die Armen werden ausgesaugt und die Reichen immer reicher. Multinationale Unternehmen sind eine Pest, der Kapitalismus funktioniert nicht und der kleine Mann bleibt immer der Verlierer. Und die Politik bietet keine Lösungen, denn die eine Partei ist wie die andere, alles „Schweine, die aus dem gleichen Trog fressen“. Genug, ruft Brand, es braucht eine neue Ordnung, es braucht nichts weniger als eine Revolution.

Wie die aussehen soll oder wie man sie herbeiführt oder wie es danach weitergeht: Da bleibt Brand eher vage. Radikale Dezentralisierung, schlägt er vor, und eine Annullierung sämtlicher Privatschulden. Die Enteignung von Unternehmen wie General Motors oder Monsanto. Mehr ziviler Ungehorsam. Spiritualität „in welcher Form auch immer zum Zentrum unserer sozialen Strukturen zu machen“. Es ist alles nicht sehr gründlich durchdacht. Das mag die Rezensenten aufregen, ändert aber nichts daran, dass das Buch zur Zeit auf Platz Zwei der Amazon-Bestseller-Liste steht.

Machtlosigkeit vor den Folgen

Die Begeisterung für den Mann, der, man muss es zugeben, unverschämt gut aussieht, verrät einen Trend, der immer stärker wird: Die Briten wenden sich von herkömmlicher Politik ab und Charismatikern zu. Umso mehr, wenn sie Witz haben. Russell Brand findet als Spaßguerillero Anerkennung, weil die Leute genug haben von der Alternative: Sie wollen nicht mehr Karrieristen in Anzügen zuhören, die zeit ihres Lebens nichts anderes als Politik gemacht haben.

Dieser Aufstand gegen das Establishment hat im konservativen Spektrum ihre Galionsfigur in Nigel Farage, dem Chef der rechtspopulistischen „United Kingdom Independence Party“. Bei den Linken bietet sich nun Russell Brand als Revoluzzer-Ikone an. Beiden Protestbewegungen, links wie rechts, liegt ein gemeinsames Ressentiment zugrunde: das Gefühl der Machtlosigkeit vor den Folgen der Globalisierung. Eine Wirtschaftskrise, ausgelöst von der Hochfinanz, wird auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen, und die gewählten Politiker haben keine Rezepte. Kein Wunder, dass in Zeiten der Krise extreme Antworten immer mehr Fans finden.

EURE FAVORITEN