Blutige Schlacht um schmale Brücke

Die Erde um die idyllische Steinbrücke vor Amöneburg (Kreis Marburg-Biedenkopf) muss blutgetränkt gewesen sein. 527 Soldaten starben auf den Wiesen und Hängen am Fuß des Basaltkegels, 1.363 Männer wurden verletzt.

Amöneburg (dapd-hes). Die Erde um die idyllische Steinbrücke vor Amöneburg (Kreis Marburg-Biedenkopf) muss blutgetränkt gewesen sein. 527 Soldaten starben auf den Wiesen und Hängen am Fuß des Basaltkegels, 1.363 Männer wurden verletzt. Bis heute stecken Kanonenkugeln im Gebälk des nahegelegenen Wirtshauses. Vor 250 Jahren tobte hier eine der Entscheidungsschlachten des Siebenjährigen Krieges. Vom 21. bis zum 23. September feiern die Amöneburger aber nicht die blutigen Kämpfe, sondern den Frieden, der im dort gelegenen Brücker Wirtshaus geschlossen wurde.

Dass die mehr als 700 Jahre alte Brücke einst so heiß umkämpft war, kann man sich heute kaum vorstellen. Sie ist so schmal, dass sich Autos nicht begegnen können. Doch vor 250 Jahren lag die Brücke an der zentralen Nord-Süd-Verbindung zwischen der Schweiz und Hamburg. Weit und breit gab es keine weitere Möglichkeit, die Ohm mit schweren Wagen zu überqueren. "Deswegen war die Brücke so wichtig", erklärt Winfried Kaul. Der Sozialwissenschaftler und Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins organisiert die Festlichkeiten und hat sich mit der Geschichte der Schlacht beschäftigt.

Im September 1762 standen sich französische Truppen und die mit den Preußen verbündeten Westarmeen - Engländer, Hannoveraner, Braunschweiger und Hessen - an der Brücke gegenüber. Die Franzosen waren bereits durch Gießen gezogen und hatten ihre Lager auf den Feldern des Ebsdorfergrundes aufgeschlagen. Sie wollten eigentlich bis Hannover durchmarschieren. Doch die Alliierten, die einen Angriff erwarteten, hatten ihre Truppen auf der Burg und auf der anderen Seite des Flüsschens zusammengezogen.

Kanonenkugeln im Garten gefunden

Chronisten berichten, dass es neblig war, als die Schlacht um den Ohmübergang an der Brücker Mühle am frühen Morgen des 21. September begann. Den ganzen Tag rannten die Franzosen in die Kugeln ihrer Gegner. Aber auch die alliierten Truppen hatten so große Verluste, dass sie Wälle aus toten Soldaten bildeten. Noch in den 1950er Jahren fanden Amöneburger Kinder Gebeine von damals Gefallenen. Das Dachgeschoss des nahegelegenen Wirtshauses wurde völlig zerschossen, die östliche Wand von 60 Kanonenkugeln durchlöchert.

Hofbesitzerin Elisabeth Nau hat bis heute eine Galerie von zehn Kanonenkugeln und einer Kartätsche auf ihrem Wohnzimmersims. Gefunden hat sie die Geschosse in ihrem Garten: Hannoveraner Sechspfünder, Hessische Zwölfpfünder und sogar eine 25 Kilogramm schwere Kugel: "Wir waren die Opfer der Engländer", sagt Nau.

In ihrem Haus wurde vor 250 Jahren der Waffenstillstand geschlossen, auf den sich Franzosen und Engländer wenige Wochen nach der Schlacht am 14. November 1762 einließen. Zugleich errichteten die Militärs einen hohen Friedensstein, der bis heute an das Datum erinnert. Ungewöhnlich bei dem Waffenstillstand: Der Wirt erhielt eine Entschädigung, mit der er sein Haus reparieren konnte. Die leidende Amöneburger Bevölkerung ging allerdings leer aus, wie Heimatforscher Kaul erzählt.

Den Friedensschluss werden die Amöneburger am 21. September hochoffiziell bekräftigen: Französische und britische General- und Honorarkonsuln, der hessische Finanzminister Thomas Schäfer und Amöneburgs Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg werden eine Urkunde zur "Bekräftigung von Frieden in Europa und Europäischer Verständigung" unterzeichnen. Den Festvortrag hält Volkskundeprofessor Siegfried Becker, der die lokalen Auswirkungen dieser europäischen Krise beleuchtet.

Zum Jahrestag schlagen uniformierte Soldaten ein Biwak auf

Zugleich können Besucher und Einheimische erfahren, wie es vor 250 Jahren in und um Amöneburg ausgesehen haben mag: Am Freitagabend schlagen uniformierte Soldaten ein Biwak in der Schlossruine auf. Am Tag darauf exerzieren sie auf dem Marktplatz und in den Gassen. Amöneburger Bürger führen mehrfach ein von Theaterstück von Alfred Schneider über den Friedensschluss im Brücker Wirtshaus auf. Es gibt eine Romanlesung zum Thema. Dazu erwarten die Besucher Speisen wie zu Friedrichs Zeiten an einer langen Festtafel auf dem Marktplatz.

Ein großer Teil der Festlichkeiten findet auch direkt an der alten Brücke statt, an der damals wie heute die Brücker Mühle steht. In dem jetzigen Ausflugslokal mit Naturkostladen steht ebenfalls noch eine 250 Jahre alte Kanonenkugel auf dem Sims. Prinz Charles hat sie bestaunt, als er sich 1997 über den ökologischen Landbau informierte.

Die Brücke hat unterdessen eigentlich "gar keine Bedeutung mehr", sagt Agraringenieurin Sabine Walter, die zusammen mit Müllermeister Thomas Kleinschmidt die Mühle betreibt. Die Stadt Amöneburg wünscht sich, dass die einst umkämpfte Brücke für Autos und Laster gesperrt wird. Nur noch Radler und Fußgänger sollen auf das historische Gemäuer.

dapd

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