Zahl der Trittbrettfahrer steigt

Düsseldorf. Beeindruckt von den Amokläufen an Schulen werden immer mehr Jugendliche zu Trittbrettfahrern. Was fasziniert junge Menschen an der Idee eines Rachefeldzuges?

„Morgen bring ich euch alle um.“ Es kann ein Satz wie dieser sein, gekritzelt auf die Tür der Schultoilette. Oder eine wütende Drohung gegenüber Mitschülern. Oder das Foto eines Schul-Massakers im Internetprofil eines Jugendlichen. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt: Ein trauriger Hilfeschrei oder die Ankündigung eines grausamen Amoklaufs?

"Da ist die Aufmerksamkeit aller Beteiligten gefordert", betont Stefan Drewes, Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Düsseldorf. Seit den Amokläufen registriert die Beratungsstelle immer mehr Jugendliche, die mit Gewalt-Androhungen auf sich aufmerksam machen. „Das sind Trittbrettfahrer. Die probieren dann aus, welche Reaktionen sie auslösen, wenn sie Gewalt in Schulaufsätzen verherrlichen oder in Wut ihren Mitschülern androhen: ‚Morgen werdet ihr sehen, was ihr davon habt. Dann knall ich euch alle ab’“, erklärt Stefan Drewes. Beliebtes Medium ist das Internet. „Hier können sie etwas sagen und werden wahrgenommen, wenn ihnen sonst schon niemand mehr zuhört.“

Mitschüler brauchen Mut

Die Mitschüler sind, wie im Fall des verhinderten Amoklaufs in Köln, oft die ersten, denen das eigenartige Verhalten eines Jugendlichen auffällt. „Dann braucht es auch Mut, um mit dem Lehrer oder den Eltern zu sprechen“, betont Stefan Drewes, der gleichzeitig im Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen Vorsitzender für den Bereich Schulpsychologie ist.

Zusammenwirken gefragt

Die Schule muss in einem solchen Fall sehr bedacht handeln. „Dann ist ein Zusammenwirken von Schulsozialarbeitern, Schulpsychologen, Lehrern, Eltern und eventuell Polizei gefragt“, erklärt Stefan Drewes. „Klare Kriterien für potenzielle Amokläufer gibt es nicht.“ Aufmerksamkeit sei gefordert, wenn Jugendliche sich nur noch in Schwarz kleiden und von den Themen Tod und Gewalt fasziniert sind. „Im Rückblick sind die Täter oft in Krisen und bei ihren Mitschülern nicht integriert, manchmal auch Mobbingopfer“, weiß Stefan Drewes.

Fachpersonal gefordert

Werden Jugendliche auffällig, ist Fachpersonal gefordert. „Wichtig ist ein System, das in so einem Fall greift. Benötigt werden Beratungskräfte, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und Schulungen für Lehrer“, betont Drewes. „Da sind wir auf einem guten Weg. Aber da muss noch etwas getan werden.“

Die schulpsychologische Beratungsstelle rechnet für die nächsten Tage wieder mit vielen besorgten Anrufern: „Nach dem Amoklauf in Emsdetten hatten wir eine sehr große Welle. Wir stellen uns auch jetzt wieder auf Anrufe ein.“ Wer Rat sucht, kann die Beratungsstelle in Düsseldorf unter 0211/89 95 340 erreichen.

 
 

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