Kanalrohr-Brand offenbar die Ursache für giftige Rauchwolke in Lüdenscheid

Lkw-Brand mit Folgen: Im Zuge der Löscharbeiten auf einem Speditionsgelände in Lüdenscheid entwickelte sich eine giftige Rauchwolke. 65 Personen erlitten Verletzungen, weil unterirdisch ein Kanalrohr brannte.
Lkw-Brand mit Folgen: Im Zuge der Löscharbeiten auf einem Speditionsgelände in Lüdenscheid entwickelte sich eine giftige Rauchwolke. 65 Personen erlitten Verletzungen, weil unterirdisch ein Kanalrohr brannte.
Foto: Thomas van de Wall/dapd
Bei Löscharbeiten in Lüdenscheid war am Morgen dichter Qualm aus der Kanalisation gestiegen. Anwohner und Feuerwehrmänner klagten über Beschwerden und mussten ärztlich behandelt werden. 70 Meter eines glasfaserverstärkten Kanalrohres brannten nach Informationen der Feuerwehr unter der Erde. Auslöser für den Großeinsatz war ein Lkw-Brand in der Nacht auf dem Gelände einer Speditionsfirma.

Lüdenscheid. Wie Jörg Weber, Sprecher der Feuerwehr Lüdenscheid, mitteilte, brachen die Flammen in der Nacht zum Montag gegen 1 Uhr auf einem Speditionsgelände in der Elbinger Straße aus. Erste Kräfte der städtischen Feuerwehr waren zügig vor Ort und begannen mit den Löscharbeiten an einem im Brand stehenden Lkw. Durch das in die Kanalisation fließende Löschwasser kam es zu einer chemischen Reaktion. Um 4 Uhr früh wurde dann der Vollalarm für sämtliche Löschkräfte der Stadt Lüdenscheid ausgelöst.

65 Verletzte - Qualm zieht durch Straße

Eine Rauchwolke stand über dem Gebiet und zog Richtung Königsberger Straße. Es bildete sich giftiger Qualm, der aus der Kanalisation hochstieg. Anwohner und Einsatzkräfte klagten über Atemwegreizungen und Reizungen der Schleimhäute. Nach Angaben der Feuerwehr wurden etwa 65 Menschen ärztlich versorgt, 28 Personen kamen zur weiteren Behandlung in Krankenhäuser. Das Klinikum Hellersen nahm einen Großteil der Verletzten auf und untersuchte sie auf Rauchgasvergiftungen.

Auch 13 Polizisten und 35 Feuerwehrleute, die ihren Einsatz abbrechen mussten, atmeten die giftigen Gase ein. Während der Löscharbeiten klagten sie über Brennen im Hals, Kopfschmerzen und Übelkeit. Das aus Gullys aufsteigende Gas roch stark nach verbranntem Plastik. Die meisten Verletzten wurden nach Blutuntersuchungen und ambulanter Behandlungen wieder aus dem Krankenhaus entlassen.

Krisenstab koordiniert Einsatzplan / 150 Personen evakuiert

Ein Krisenstab mit dem Lüdenscheider Bürgermeister, Vertreter von Stadtreinigung und Stadtentwässerung, Feuerwehr, Polizei und Ordnungsamt koordinierte im Rathaus den Einsatzplan und die vorsorglichen Rettungsmaßnahmen. In Zusammenarbeit mit der Feuerwehr und der Stadt Lüdenscheid wurden laut Polizei etwa 150 Menschen evakuiert. Sie wurden am Morgen erst in beheizten Linienbussen der MVG aufgenommen und anschließend in der Grundschule Wehberger Straße untergebracht. Familienangehörige kümmerten sich hier schnell um den Schutz der Anwohner. Die Erstversorgung für die Evakuierten leistete der Arbeiter- und Samariterbund Lüdenscheid.

Vorsichtsmaßnahmen von Polizei und Feuerwehr

Vorsichtshalber blieben Kinder und Jugendliche, die im unmittelbaren Umfeld der Unfallstelle wohnen, auf Anordnung des Krisenstabes in den jeweiligen Schulen und Kitas. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme war der Aufruf von Polizei und Feuerwehr an die Bewohner in den Ortsteilen Eichholz und Honsel: Sie sollten die Abflüsse vor ihren Häusern durchspülen, um zu verhindern, dass sich in den trockenen Abflüssen weitere Giftgase bilden. Der Kristenstab beschloss in Absprache mit den Einsatzkräften, die Kanalisation zu belüften. Betroffen waren die Bereiche Honsel, Glatzer Straße, Hüttemeister Straße und weiter in Richtung Augustenthal.

Spezialkräfte der Feuerwehr Dortmund helfen bei den Ermittlungen 

Die Schadstoffwerte im Rauch blieben nach Messungen der Feuerwehr jedoch unter den Grenzwerten. Ein Rätsel war für die Einsatzkräfte lange Zeit die starke Rauchentwicklung. Spezialkräfte der Berufsfeuerwehr aus Dortmund wurden in die Ermittlungen einbezogen. Die sogenannte "Task Force" entnahm Wasser-, Boden- und Luftproben.

Aufnahmen einer Kamera bringen Aufschluss

Gegen 15 Uhr gab es eine erste Erklärung zur möglichen Ursache der giftigen Qualmwolke: 70 Meter eines glasfaserverstärkten Kanalrohres sind vermutlich unter der Erde in Brand geraten. Aufnahmen eines Kamerawagens mit der von Experten bezeichneten "Kanalratte" brachten das ans Tageslicht. Ob das unterirdische Feuer in einem Zusammenhang mit dem Lkw-Brand steht, ist noch ungeklärt. Der abgebrannte Lastkraftwagen wird vom Gutachter-Büro Diehl und Stey untersucht.

Wegen des Feuers wurden am Morgen mehrere Wohnungen und Büros an der Brandstelle in Lüdenscheid geräumt. Die Feuerwehr war mit etwa 250 Kräften im Einsatz. Aus Schalksmühle, Halver, Pletttenberg, Herscheid und Neuenrade rückte Verstärkung für die Kollegen aus Lüdenscheid an. Der Messzug vom Märkischen Kreis und aus dem Regierungsbezirk Arnsberg wurde zur Feststellung der Schadstoffwerte angefordert. Die Bundesstraße 229 zwischen Honsel und Brügge musste wegen der Löscharbeiten und Evakurierungsmaßnahmen komplett gesperrt werden. Es kam zu langen Staus an den Auf- und Abfahrten zur Autobahn 45 (Sauerlandlinie).

Spezialreinigungsfirma im Einsatz

Eine Spezialreinigungsfirma übernahm am Nachmittag die Säuberung der Elbinger Straße. Begleitet von Feuerwehrleuten kehrten die unversehrten Anwohner zu Fuß wieder zurück in ihre Unterkünfte. Jede Wohnung wurde laut Feuerwehr-Sprecher Weber auf mögliche Gefahren durch Rußspuren in den Abflüssen und auf Brandgeruch überprüft. Türen und Fenster dürfen bis Dienstag nicht geöffnet werden. Noch eine Nacht bleibt die Elbinger Straße bis zur Königsberger Straße für die Reinigungsarbeiten gesperrt. An der Königsberger Straße stehen bis Dienstag noch Feuerwagen als Anlaufstelle für die Bewohner.

Feuerwehr

Brennender Lkw-Diesel könnte in Kanal gelaufen sein

Die Kanalisation in beiden Straßen sollte bis Mitternacht ein weiteres Mal durchgespült werden, da noch Reste des unterirdischen Brandes hätten auftauchen können. Bis zum Abend gab es noch keine hundertprozentige Entwarnung der Feuerwehr. Sprecher Jörg Weber schloss jedoch weitere Brandherde in dem Kanalschacht aus. Über die genaue Ursache der giftigen Rauchwolke kann derzeit nur spekuliert werden. Fachleute halten es für möglich, dass brennender Lkw-Diesel in den Kanal gelaufen sein könnte und das fast trockene glasfaserverstärkte Kunststoffrohr zum Schmoren brachte. Diese Glut könnte unter der Erde die giftigen Dämpfe verursacht haben, die über die Kanalisation nach oben auf die Straße gelangten.

(has mit dpa/dapd)

 
 

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