Besessen vom Fall Barschel

Kiel..  „Die Wahrheit ist nie offensichtlich, es braucht Fantasie, sie zu entdecken“, wird der Chefredakteur der „Neuen Hamburger Zeitung“ am Ende des Films sagen. Bis dahin ist der Weg weit, und die gültige Antwort auf ein legendäres Rätsel kann es auch nach 175 Fernsehfilmminuten nicht geben, solange der Bundesnachrichtendienst 5100 Seiten starke Akten unter Verschluss hält: Wie Uwe Barschel an jenem 11. Oktober 1987 starb, als ein „Stern“-Reporter ihn tot in der Badewanne eines Genfer Hotelzimmers fand und das berühmte Foto schoss, ist ewig durch den Spekulationswolf gedreht worden – auch Kilian Riedhofs knapp dreistündiger Politthriller „Der Fall Barschel“ bietet jenseits der Fakten nur schlüssige Varianten an. Das aber in einer filmischen Qualität, dass man mal von einer Sternstunde der ARD reden darf.

Mit wuchtigen Bildern des Flugzeugunglücks am Lübecker Airport, das der schleswig-holsteinische Ministerpräsident als Einziger überlebte, steigt Regisseur Riedhof ein. Er schrieb mit Marco Wiersch auch das Drehbuch, tastete sich mit Zeitzeugen-Interviews und Karteikarten an Barschels Abstieg heran. Schauspieler Matthias Matschke trifft den nasalen Singsang des CDU-Politikers vor allem in der berühmten „Ehrenwort“-Rede perfekt, in der Barschel beteuert, mit der Bespitzelung des SPD-Rivalen Björn Engholm nichts zu tun zu haben. Die Journalisten David Burger (Alexander Fehling) und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs) reißen Barschels Lügengebäude ein und feiern ihren „Waterkantgate“-Triumph, als er zurücktritt. Später zwingen sie durch ihre Recherchen auch Engholm zur Aufgabe.

Während Nissen sich damit abfinden will, dass Barschel sich selbst getötet haben soll, steigert Burger seine Skepsis in eine Besessenheit, die seine Ehe zerstört und ihn in Lebensgefahr bringt. Er verliebt sich in eine verführerische „Quick“-Fotografin (Antje Traue), die ihn offenbar im Auftrag des BND bespitzelt und arbeitet sich immer tiefer in einen Sumpf aus internationalen Intrigen und schmutzigen Regierungsgeschäften, denen möglicherweise auch Barschel zum Opfer gefallen sein könnte. Selbst den Kollegen kann er nicht mehr trauen.

Riedhof füllt die politische Hülle des Barschel-Krimis mit dem menschlichen Drama des einsamen Enthüllers, den der starke Alexander Fehling als ewig Getriebenen hinlegt. Fabian Hinrichs glänzt als undurchsichtiger Kompagnon, Edgar Selge gibt den Chefredakteur alter Schule in bewährter Qualität, Martin Brambach Barschels durchtriebenen Medienreferenten Pfeiffer; Kameramann Benedict Neuenfels bleibt immer hautnah dran am Geschehen. Deutscher Politthriller? Geht doch.

Fazit: Packendes Drama mit perfekter Mischung aus Fakten und Fiktion in hoher Qualität. Keine Minute zu lang.

ARD, 20.15 Uhr

 
 

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