Italienische Regierung ruft für Region um Genua Notstand aus

 Ein Lkw steht auf der am Dienstag eingestürzten Autobahnbrücke Morandi.
Ein Lkw steht auf der am Dienstag eingestürzten Autobahnbrücke Morandi.
Foto: Luca Zennaro / dpa
Beim Einsturz einer Autobahnbrücke im italienischen Genua kamen Dutzende Menschen ums Leben. Die Ursache der Katastrophe ist unklar.

Genua.  Der Einsturz der Autobahnbrücke im italienischen Genua hat mindestens 42 Menschen das Leben gekostet. Das sagte der Staatsanwalt Francesco Cozzi dem Fernsehsender RaiNews24. Der Präfektur zufolge gibt es 16 Verletzte, der Zustand von 12 ist kritisch. Unter den Opfern sind mindestens auch drei Minderjährige im Alter von acht, zwölf und dreizehn Jahren.

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte hat in der Stadt den Notstand ausgerufen. Der Ausnahmezustand solle für zwölf Monate gelten, sagte Conte nach einem außerordentlichen Treffen des Ministerrats in der nördlichen Hafenstadt am Mittwoch. „Wir wollten diesem Treffen einen symbolischen Wert geben“, sagte der Ministerpräsident. Zudem stellte die Regierung fünf Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. Conte versprach weiter, einen Kommissar für den Wiederaufbau Genuas einzusetzen.

Immer mehr Schuldzuweisungen nach Katastrophe

Nach dem verheerenden Einsturz mehren sich in Italien die Schuldzuweisungen. Während die Rettungskräfte am Mittwoch noch immer Leichen zwischen den gewaltigen Trümmern bargen, machten Regierungsmitglieder den privaten Betreiber der Autobahn für das Unglück verantwortlich. Innenminister Matteo Salvini zeigte mit dem Finger gar in Richtung EU. Seiner Ansicht nach untergraben die europäischen Vorgaben zum Haushaltsdefizit die Sicherheit des Landes.

Verkehrsminister Danilo Toninelli forderte die Führung des Betreibers der eingestürzten Brücke in zum Rücktritt auf. Zugleich kündigte er an, dass dem Unternehmen die Lizenz zum Betrieb der Straße entzogen werden solle und es mit Strafzahlungen von bis zu 150 Millionen Euro belegt werden könnte.

Die Morandi-Brücke auf der Autobahn A10, der berühmten Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“, stürzte am Dienstag gegen 11.30 Uhr aus mehr als 40 Metern Höhe auf einem etwa 100 Meter langen Stück ein. Der Polcevera-Viadukt, im Volksmund nach dem Architekten auch Ponte Morandi genannt, überquert unter anderem Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet im Westen von Genua.

Mehrere Fahrzeuge stürzten 40 Meter in die Tiefe

Der Einsturz riss mehrere Fahrzeuge mit. Mehrere Lastwagen waren im Fluss Polvecera gelandet. Hunderte Rettungskräfte waren am Ort der Katastrophe im Einsatz. In der Nähe der Brücke waren nach dem Einsturz vorsichtshalber Häuser evakuiert worden. Auf Bildern ist zu sehen, dass unmittelbar vor der Abbruchkante Fahrzeuge stehen, die offenbar noch rechtzeitig stoppen konnten.

Rettungskräfte: „Es ist die Hölle“

Überlebende des Unglücks berichteten der Nachrichtenagentur Ansa: „Gegen halb zwölf haben wir einen Blitz in die Brücke einschlagen sehen – und dann stürzte die Brücke in sich zusammen.“ Doch der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Edoardo Rixi, äußerte sich gleich skeptisch: „Eine solche Brücke bricht nicht wegen eines Blitzes noch wegen eines Unwetters ein, die Schuldigen dafür werden gefunden.“

„Es ist die Hölle“, zitieren Medien Rettungskräfte, die zu Hunderten und mit schwerem Gerät nach Verschütteten suchten. Sie fanden Tote, aber auch Überlebende. Die Brückenteile prallten mit großer Wucht auf den Erdboden. Das größte Stück ist in den Polcevera-Fluss gefallen, einige Teile trafen auch Fabrikhallen.

„Die Leute liefen mir entgegen, barfuß und erschrocken. Als ich aus dem Tunnel kam, sah ich, wie die Autos langsamer wurden, und hörte ein Donnern. Die Leute flüchteten in meine Richtung, es war schrecklich“, sagte ein Busfahrer dem „Corriere della Sera“.

Autobahn-Betreiber: An der Brücke wurde gearbeitet

Nach Angaben der Feuerwehr brach die Brücke an der A10 bei strömendem Regen zusammen. Der Autobahn-Betreiber Autostrade per l’Italia erklärte, es seien Arbeiten im Gange gewesen, um das Fundament der Fahrbahn auf dem Viadukt zu verstärken. Wie das Unternehmen am Dienstag auf seiner Homepage mitteilte, sei an der Sohle des Polcevera-Viadukts gearbeitet worden. Auf der Brücke selber habe ein Baukran gestanden.

„Die Arbeiten und der Gesamtzustand der Brücke wurden ständig überwacht“, hieß es in der Mitteilung des Unternehmens, das von Atlantia kontrolliert wird. „Die Einsturzursache wird gründlich untersucht, sobald es sicher ist, die Unglücksstelle zu betreten.“ Verkehrsminister Danilo Toninelli schloss in einem Radio-Interview aus, dass die Bauarbeiten an der Brücke Grund für den Einsturz seien.

Politiker drohen Brückenbetreiber mit Lizenzentzug und Strafen

Gegen den Betreiber seien Schritte eingeleitet worden, um die Lizenz für die Straße zu entziehen und eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen, erklärte Verkehrsminister Danilo Toninelli am Mittwoch auf Facebook. Er forderte das Management zum Rücktritt auf. Auch der Fünf-Sterne-Chef und Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio machte das Unternehmen für die Tragödie verantwortlich. Innenminister Matteo Salvini sprach sich ebenfalls für einen Entzug der Lizenz aus.

Der „Viadotto Polcevera“ war nach vierjähriger Bauzeit 1967 eröffnet worden. Der Viadukt mit einer Gesamtlänge von 1182 Metern überquert ein Industriegebiet und stützt sich auf drei Betonpfeiler. Das längste Teilstück ist 210 Meter lang. Die Brücke war offenbar vor zwei Jahren instand gesetzt worden. Die Mautautobahn ist eine Hauptverkehrsader, die an die Riviera und nach Südfrankreich führt. Auch der Eisenbahnverkehr rund um Genua wurde eingestellt.

Merkel übermittelt Anteilnahme nach Brückeneinsturz

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat betroffen auf den Einsturz einer Autobahnbrücke im italienischen Genua reagiert. „Nach dem schrecklichen Brückeneinsturz sende ich den Menschen in Genua und in Italien meine Anteilnahme“, erklärte Merkel nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstag. „Zusammen mit vielen Deutschen bin ich in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen.“

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron bot Italien Hilfe an. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und dem ganzen italienischen Volk“, teilte Macron am Dienstag auf Twitter mit. „Frankreich steht in dieser Tragödie an der Seite Italiens und hält sich bereit, jegliche nötige Unterstützung zu leisten.“

Italiens Vize-Regierungschef Luigi Di Maio sagte, der Staat werde alles unternehmen, um den Familien der Opfer zu helfen. (dpa/rtr/ac/sdo/moi)

 
 

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