Auswandern mit Omas Rezepten

Verkauft in Kapstadt deutsches Brot: Judith Deister.                                                                                          Foto:Privat
Verkauft in Kapstadt deutsches Brot: Judith Deister. Foto:Privat
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Kapstadt. Wer auf der Haupteinfallstraße in Richtung Innenstadt braust, der übersieht sie fast, denn markant ist die Bäckerei Dinkel nicht. Nicht für Kapstädter Verhältnisse. Überdimensionale Supermärkte, klimatisierte Einkaufstempel, mit Sicherheitspersonal aufgerüstete Wolkenkratzer – das Geschäft von Judith Deister steht zum sonstigen Stadtbild wie ein Kleingarten zum Phantasialand. ,,Geschäftchen” nennt die Inhaberin selbst das weiß getünchte ehemalige Cottage, das sich, als habe es sich in ein nordfriesisches Fischerdörfchen verirrt, an zwei drei Gebäude seinesgleichen reiht. Und meint damit wohl nicht nur die beiden winzigen Verkaufsräume in seinem Innern.

Judith Deister ist eine von 60 000 Deutschen, die am Kap eine neue Heimat gefunden haben. Im Falle der heute 35-Jährigen war es sowas wie Liebe auf den ersten Blick: ,,Ich hatte gerade das Abi in der Tasche, war voller Abenteuerlust, und so stieg ich kurz entschlossen in ein Flugzeug nach Südafrika.” Ein ebenso weltenbummlerischer Cousin war schon Jahre zuvor hier hängen geblieben – und erste Anlaufstelle für die junge Kölnerin. ,,Schon beim Landeanflug dachte ich ,wow hier möchte ich bleiben!“ Über zehn Jahre ist das jetzt her.

Heute treffen wir Judith Deister in ihrer Backstube, die, ja, wirklich Deutsch daherkommt, mit dunkel gebeizten Massivholzregalen und einer Verkaufstheke, aus der Mohnkuchen und Rosinenbrötchen den Kunden anlachen. Und obwohl die hochgewachsene Deutsche das Backen daheim eigentlich immer nur als Hobby betrieben hatte: ,,Ich war Leistungssportlerin”, räumt sie ein. Dass sie hier auf eine Marktlücke gestoßen war, sei ihr sofort klar gewesen. ,,Ich habe selber das deutsche Brot vermisst und viele Touristen getroffen, denen es genauso ging.” Als nach einigem Nachforschen noch dazu fest stand, dass die bürokratischen Hürden für eine Geschäftsgründung am Kap im Vergleich zu Deutschland eher gering ausfallen würden, fasste sie den Entschluss: ,,Wenn das hier keiner macht, dann mache ich es eben selbst.”

„Ich verdiene hier kein Vermögen“

80 Prozent der Kunden der Bäckerei Dinkel sind Deutsche. ,,Wir sind der einzige Laden in der Stadt, in dem es Pflaumenkuchen gibt – den kennen die Einheimischen nicht”, erklärt Judith Deister. Ebenso wenig wie Mohnkuchen, ,,der ist typisch Deutsch. Weiße Brötchen sind in Südafrika labschig. Die kannst du eindrücken wie Luft. Unsere sind krustig - das ist Deutsch“, sagt die Geschäftsführerin. Und noch etwas reizt die Einwanderin, die inzwischen mit einem Südafrikaner verheiratet und Mutter einer Tochter ist. ,,Bei uns kaufen hauptsächlich ältere Damen.” Mit denen könne man ein Schwätzchen halten, ,,das ist dann wie Zuhause“. Wiewohl Judith keinen Zweifel daran lassen möchte, dass ihre Bäckerei auch für Einheimische, die einen Geschmack von deutscher Brottradition bekommen wollen, ,,immer offensteht”. Das kommt gut gelaunt und leicht. Etwas zu leicht vielleicht.

Sprachbarrieren gelten in Südafrika immer noch als ethnische Barrieren. Auch 16 Jahre nach Ende der Apartheid sind die wohlhabenden Stadtviertel und ihre Läden so weiß wie die Tünche an ihren Fassaden. Hier lebt die schon zur Zeiten der Rassentrennung gut betuchte hellhäutige Oberschicht. Hier leben Zugezogene aus Übersee. Hier leben die Deutschen in einer kleinen Kolonie. Und auch Judith räumt ein, selten in die schwarzen Townships rauszufahren, in denen 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität und bittere Armut immer noch den Alltag der großen Mehrheit der Südafrikaner diktieren. Kunden mit dunkler Hautfarbe im eigenen Geschäft? ,,Selten”, gibt die Inhaberin zu. In der Bäckerei Dinkel kostet ein Doppelback umgerechnet 2,50 Euro – so viel wie ein vergleichbares Brot in einem Supermarkt um die Ecke. So viel, wie einer fünfköpfigen Familie in den südafrikanischen Slums täglich zum Überleben zur Verfügung steht. Wie findet man sich ab mit diesem Widerspruch? ,,Ich versuche, mein Leben zu leben.” Judith zuckt mit den Schultern. ,,Ich verdiene hier kein Vermögen. Für deutsche Verhältnisse.“

Tradition erhalten

Da sind sie wieder: Deutsche Verhältnisse, südafrikanische Verhältnisse – es scheint, als schwebe dieser Zwiespalt über Judith Deister wie die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Brot, bei dem sie im Zweifel auf Rezepte ihrer deutschen Oma zurückgreift. Dabei ist sich die Wahlbäckerin durchaus bewusst, dass auch in ihrer ersten Heimat damit nicht alles zum Besten steht. ,,Die Massen-Backshops sind keine gute Entwicklung. Gebacken in Tschechien, aufgebacken in Deutschland – das schmeckt man. Mit meiner Bäckerei hier möchte ich die deutsche Back-Tradition erhalten.”

 
 

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