„Außer bei Länderspielen“

Am 20. Mai 2012 findet im Georg Melches Stadion das letzte Spiel von Rot Weiss Essen statt, bevor das alte Stadion abgerissen wird. Zum Abschiedsspiel wurde eine Traditionsmannschaft mit bekannten ehemaligen Spielern aufgestellt. Im Bild: Willi Lippens Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool
Am 20. Mai 2012 findet im Georg Melches Stadion das letzte Spiel von Rot Weiss Essen statt, bevor das alte Stadion abgerissen wird. Zum Abschiedsspiel wurde eine Traditionsmannschaft mit bekannten ehemaligen Spielern aufgestellt. Im Bild: Willi Lippens Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool
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NRZ-Redakteur Matthias Maruhn sprach mit Willi Lippens über sein bewegtes Fußballerleben.

Bottrop..  Es ist der 7. Juli 1974, Finale im Münchner Olympiastadion zwischen Deutschland und den Niederlanden. Es steht 2:2. 88. Minute. „Holland im Angriff. Neeskens auf Cruyff, zurück auf Rep, wieder auf Cruyff. Der steil auf Lippens. Lippens umdribbelt Vogts, lässt Breitner stehen, Lippens müsste schießen, Lippens schießt. Tor, Tor, Tor. Holland ist Weltmeister…“ Hallo? So war das doch gar nicht. Stimmt, hätte aber so kommen können. Ach, am besten erzählt Willi Lippens die ganze Geschichte nochmal selbst. Schließlich hat das Leben den 66-Jährigen zu einem Experten gemacht, wenn’s um die Wiederaufführung des ewigen Dramas geht: Deutschland, Holland, Fußball.

Als Willi Lippens am 10. November 1945 im kleinen Ort Hau bei Kleve geboren wird, liegt die Welt nicht nur hier nahe der Grenze zu den Niederlanden in Trümmern. Willis Vater hatte es im Krieg wirklich nicht leicht gehabt. Er war Holländer und der Liebe zu Willis Mutter wegen vor dem Krieg ins Nachbarland gekommen. Jetzt hatte er nicht nur im Keller die Bombenangriffe der Alliierten erdulden müssen, sondern zuvor auch den Hass der Nachbarn. Alle Ausländer im Ort waren von den Deutschen eines Tages zusammengetrieben worden und dann mit Knüppeln fürchterlich verdroschen worden. Nur so. Als Warnung. Vater Lippens hat das nicht nur äußerlich verletzt, diese Demütigung, er hat sie nie vergessen können.

„Zwischen den Bäumen habe ich das Dribbeln gelernt.“

Der Sohn übernimmt automatisch die Staatsbürgerschaft des Vaters, wächst aber in Deutschland auf. „Und das war eine schöne Kindheit. Obwohl meine Eltern kein Pulver hatten, hungern mussten wir nicht, aber alles war ein bisschen spack. Wir Jungs haben nur eins gemacht: Wir haben Fußball gespielt. Vor allem auch im Wald zwischen den Bäumen, da hab ich wohl das Dribbeln so gut gelernt. Später in Kleve haben dann immer die Straßen gegeneinander gespielt. Materborner Allee gegen Nassauerallee. Ich war Nassauer. Den einzigen Lederball hatte der Sohn vom Schuhfabrikanten Schraven. Der konnt nicht viel, aber wir haben ihn mitspielen lassen, sonst hätten wir ja auch keinen Ball gehabt.“

Willi Lippens merkt bald, dass er schon was kann am Ball. In der Schule ist er nur mittelmäßig, auf dem Platz kann er glänzen. „Ich hab das gemocht, wenn ich merkte, dass die Zuschauer über mich sprachen. Das tat gut.“ Er geht zum VfB Kleve, macht ein längeres Probetraining bei Schwarz-Weiß Essen, die wollen ihn nicht, da geht er zu Rot-Weiß. Und wird ein Star. Fußballgeschichte. Ein Reporter nennt ihn wegen seines Gangs „Ente“ und adelt ihn damit. Ente Lippens ist ebenso trickreich wie wortgewandt, die Fußballfans der 60er und 70er Jahre verehren ihn. Kein Wunder, dass gleich zwei Nationaltrainer ihre Netze werfen. „Helmut Schön hat angerufen und ich war natürlich begeistert. Aber dann hat mein Vater gesagt: Wenn du bei den Deutschen spielst, brauchst du nicht mehr nach Hause kommen. Mama hat geheult und ich hab nachgegeben.“

Lippens wurde als Nazi beschimpft

Fast zur selben Zeit der Anruf des niederländischen Bonds-coach Fadrhonc. Willi Lippens sagt ja. 1971 ist es so weit. Er gehört zum Aufgebot der holländischen Nationalmannschaft im Spiel gegen Luxemburg. „Wir fuhren im Bus nach Rotterdam. Der Fahrer hatte aus irgendeinem Grund WDR 2 eingeschaltet. Und mein Mitspieler Rinus Israel rief von hinten laut: „Mach den Nazisender aus.“ Ich hab dann nur gesagt: Hör mal, wir sind doch eine andere Generation.“ Rinus blaffte zurück. „Du bist doch selbst ein halber Nazi.“ Die anderen Spieler sagten nichts. Schweigen im Bus. „Eigentlich hätte ich in dem Moment aussteigen sollen. Und dann für Deutschland spielen sollen. Ich hab’s nicht getan. Ich war zu durcheinander.“

Er spielt dann gegen Luxemburg, schießt das 1:0. „Ein unmöglicher Ball.“ Er tippt sich an die Nase. „Den hab ich errochen. Da bin ich im richtigen Moment reingerutscht.“ Holland gewinnt, der Trainer ist zufrieden, Willi soll beim Qualifikationsspiel gegen Jugoslawien in Split wieder dabei sein.

Sechs Wochen Pause wegen Albereien

Diesmal kommt ihm ein Hockey-Schläger dazwischen. „Wir trainierten in Duisburg neben den Hockeyfrauen.“ Es wird rumgealbert. „So nach dem Motto: Gebt uns mal so einen Schläger, wir zeigen euch mal wie das geht... Ich hol also aus, zack, rutsch weg. Muskelfaserriss im Oberschenkel. Sechs Wochen Pause hieß das früher. Kein Länderspiel, RWE musste absteigen und ich wurde nicht Torschützenkönig, obwohl ich mit 19 Toren vorne lag. Der Kobluhn von RWO hat mich dann noch überholt.“ Einer dieser verdammten Tage, der die Richtung ändert. Einer dieser Was- wäre-geworden-wenn-Tage.

Lippens hat dann noch viele Jahre Fußball gespielt und viele Tore geschossen. Rinus Michels, der nächste Trainer, hat ihn nicht mehr gerufen. „Der hielt an Piet Keizer fest.“ Keine Chance. Die Ablehnung der Niederländer hat ihn damals verletzt, aber er hat seinen Frieden gemacht. „Ich fahre gern übers Wochenende nach Nordwijk ans Meer. Ich mag das Flair. lecker Matjes essen. Und inzwischen ist unser Verhältnis untereinander doch wieder gut.“ Er stockt. „Außer bei Länderspielen natürlich.“

„Der Berti Vogts hat sich immer in die Hose gemacht...“

Diesen berühmten 7. Juli 1974 hat Lippens im wirklichen Leben auf Mallorca verbracht. Mit Familie. Ohne Fernseher. Das Endspiel hat er sich erst Monate später angesehen. Auf Video. „Zweite Halbzeit. Ich wäre der Richtige gewesen. Ehrlich. Der Berti Vogts hat sich immer in die Hose gemacht, wenn er gegen mich spielen musste…“ Cruyff steil auf Lippens. Lippens müsste schießen. Lippens lacht.

 
 

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