Atomkraftwerke marode - Belgien rüstet sich für Blackout

Und plötzlich ist alles dunkel: In Belgien wird dieses Szenario befürchtet, weil nur die Hälfte der vorhandenen Atommeiler am Netz ist. Das Archivbild stammt aus Essen-Bergeborbeck, als 2011 plötzlich der Strom ausfiel.
Und plötzlich ist alles dunkel: In Belgien wird dieses Szenario befürchtet, weil nur die Hälfte der vorhandenen Atommeiler am Netz ist. Das Archivbild stammt aus Essen-Bergeborbeck, als 2011 plötzlich der Strom ausfiel.
Foto: Archiv/Dirk Bauer, WAZ FotoPool
Der Ernstfall naht – und da kann es kühl und düster werden in Belgien. Spätestens für den kommenden Dienstag erwarten die Meteorologen die Ankunft des echten Winters. Dann muss sich zeigen, ob und wie gut unsere Nachbarn den Ausfall von mehr als der Hälfte ihres Atomstroms verkraften.

Brüssel. Jüngst haben sie in Belgien die „délestage“ geprobt – Strom sparen durch abschalten. 140.000 Bürger wurden per SMS aufgefordert, am späten Nachmittag – Verbrauchsspitze – auf den Gebrauch von Wasch- und Spülmaschinen, Wäschetrocknern und Bügeleisen zu verzichten. Wer mit Strom heizt, sollte die Raumtemperatur um ein Grad senken. Zweck der Übung: herauszufinden, ob die Belgier bereit sind, durch Selbstbeschränkung mit Engpässen fertig zu werden.


Dass solche drohen, hat mit dem traurigen Zustand des Atomparks zu tun. Er besteht aus insgesamt sieben Reaktoren, vier in Doel bei Antwerpen, drei in Tihange unweit von Lüttich. Sie sorgen für fast 60 Prozent des belgischen Stromverbrauchs, sind jedoch schon betagt, die beiden jüngsten gingen 1985 ans Netz. Und drei stehen derzeit still. Zwei (Tihange 2, Doel 3) wurden wegen Haarrissen in der Ummantelung schon vor längerer Zeit heruntergefahren. Den dritten und mit 1039 Megawatt leistungsstärksten (Doel 4) hat der Ausfall einer Dampfturbine lahmgelegt, die offenbar per Sabotage schwer ramponiert wurde. Zusammen machen die drei Blöcke 51,5 Prozent der gesamten Kernkraft aus und decken damit fast 30 Prozent des nationalen Strombedarfs ab.

Staatliche Netzaufsicht befürchtet Stromausfall

Ein Ausgleich der eigenen Ausfälle durch Import-Strom ist nur begrenzt möglich. Die Kapazitäten sind bereits zu 82 Prozent ausgeschöpft. Das benachbarte Nordrhein-Westfallen kann aus technischen Gründen nicht viel helfen. Eine direkte Stromtrasse nach Belgien ist erst in der Planung. Auch Ersatz durch Gas-Kraftwerke und das Anzapfen der Reserven deckt nicht alle Eventualitäten ab.


Dank des milden Wetters sind die Belgier bislang glimpflich davon gekommen. Die staatliche Netz-Aufsicht Elia hatte schon für Ende Oktober, Anfang November mit Problemen gerechnet. Statt dessen gab es mehr Zeit für Vorkehrungen. Mit wachsendem „Blackout“-Eifer präpariert sich das Land für den Tag X.

Die Industrie will den Verbrauch vorübergehend drosseln. Die Regierung informiert mit einer Kampagne „Off-On“, wie die Haushalte Strom sparen können. Eine Bürger-Initiative „Schlauer Chicoree“ gibt gute Ratschläge, was man im Dunkeln alles machen und damit dem lichtscheuen belgischen Nationalgemüse nacheifern kann. Mehrere Städte melden stolz den Verzicht auf die übliche Installation einer weihnachtlichen Kunsteisbahn. Außerdem können sich die Bürger im Internet informieren, ob ihre Straße betroffen wäre, falls es doch zu Abschaltungen kommt.

Test mit SMS-Alarm an die Bevölkerung

Die Aussichten, das Schlimmste vermeiden zu können, sind indes nicht schlecht. Das Königliche Meteorologie-Institut veranschlagt das Risiko eines besonders harten Winters nur mit eins zu fünf. Als kritische Periode gilt die zweite Dezember-Hälfte. Zu Jahresbeginn sollen dann nämlich die Sabotage-Schäden an Doel 4 behoben sein, so dass der Reaktor wieder in Betrieb gehen kann.


Der SMS-Testalarm ist im übrigen positiv verlaufen. Wer sich angemeldet hatte, wurde erreicht. Zum Teil allerdings mit Verzögerung: Das System weigerte sich zunächst, die französische Version der Warnung mit den fälligen Akzenten (zum Beispiel in électricité“) auszustatten. Und einige Spaßvögel nutzten die Gelegenheit zur Alberei. Ein Vincent simste zurück, er habe gleich die Scheinwerfer am Auto ausgeschaltet. „Ist gefährlich, aber ich will Solidarität zeigen!“.

 
 

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