Artgerechte Haltung

Wie Sie eine glückliche Partnerschaft hinkriegen. Ein Interview mit den Paarberatern Felicitas und Volker Lehnert.

Wie beurteilen Sie den Zustand der Ehen in Deutschland?

Felicitas: Der Bedarf an Eheberatung ist groß. Leider kommen viele Paare zu spät. Wenn in einer Beziehung schon zu viele Verletzungen geschehen sind, ist Heilung fast nicht mehr möglich. Also: Je jünger die Ehen sind, desto besser sind die Chancen. Allerdings müssen die Menschen Lösungen finden wollen. Und gerade in jüngeren Ehen begegnet mir immer häufiger die „Generation Einzelkind”. Die sind es aus dem Elternhaus gewohnt, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Wenn zwei Egozentriker zusammenkommen und jeder erwartet vom anderen, dass er sich um ihn herum drapiert, wird das nicht funktionieren.

Im Jahr 2005 gab es 388 451 Eheschließungen und 201 700 Scheidungen. Was haben die Scheidungspaare falsch gemacht?

Felicitas: Sie haben an Scheidung gedacht. Die Scheidung ist so salonfähig, dass viele sie ständig im Bewusstsein haben. Wenn einem aber immer die Möglichkeit „Dann trenn ich mich eben...” im Kopf steckt, wird Ehe unmöglich. Es ist ja nicht der Wille vorhanden, Probleme zu bewältigen. Paare, die lange und glücklich zusammen sind, das sind ja nicht Paare, die nie Probleme haben. Es sind Paare, die nicht weglaufen, wenn Probleme entstehen.

Heißt das: Ein Großteil der Scheidungen müsste gar nicht sein?

Felicitas: Richtig. Es kommt auf die Bereitschaft an, miteinander einen Weg zu finden. Diese Bereitschaft wird ja nicht größer, wenn ich mir einen anderen nehme. Dann habe ich nämlich nach zwei Jahren Schmetterlingsphase wieder das gleiche Problem – und die nächste Trennung. Dabei bleiben Kinder auf der Strecke, die finanzielle Situation geht bergab, Verwundungen nehmen zu. Wenn man die Kraft, die eine Scheidung kostet, in die Ehe investieren würde, wäre das klüger.

Konsumgesellschaft schmeißt weg – auch den Partner

Volker: Wir leben in einer Konsumgesellschaft, die Dinge nicht mehr repariert, sondern – wenn sie kaputt zu sein scheinen – wegschmeißt. Das überträgt man unbewusst auf die Beziehung: Wenn's mit dem einen Partner nicht mehr klappt, suche ich mir eben einen neuen...

Was müssen Paare tun, damit die Beziehung klappt?

Felicitas: Ich muss heraus finden,was für meinen Partner die artgerechte Haltung ist. Wenn ich weiß, dass mein Mann Sport braucht oder Karriere machen muss oder gerne viele Kinder hätte, dann überlege ich, was ich dazu beitragen kann. Das klingt sehr altruistisch, ist aber ein intelligenter Egoismus. Wenn ich meine Pflanzen so halte, dass es ihnen gutgeht, habe ich tolle Pflanzen. Und wenn ich meinen Partner so halte, dass es ihm gut geht, habe ich einen tollen Partner. Ehe geht nur zu zweit. Wenn mein Mann genau so denkt wie ich, dann halten wir uns gegenseitig artgerecht – und das ist optimal.

Volker: Wenn man einen Acker nicht bestellt, kann man keine Früchte ernten. So ist es auch mit der Ehe.

Den Acker bestellen – was heißtdas konkret?

Volker: Gemeinsame Zeit, gegenseitige Wahrnehmung, Interesse für den anderen, auf den anderen hören, Rücksichtnahme, das gegenseitige Erforschen, was den anderen bewegt, was seine Sehnsüchte, seine Ängste sind. Ich muss die Sehnsüchte meines Partners kennen, aber auch die psychischen Probleme, die ja jeder Mensch hat. Und dann muss man gucken, wo man sich gegenseitig bedienen kann. Und wo man damit leben muss, dass Wünsche unerfüllt bleiben. Dazu gehört Zeit, und dazu gehört Offenheit. „Sie standen nackt voreinander und schämten sich nicht”, heißt es in der Bibel über Adam und Eva. Damit sind nicht nur die körperlichen, sondern auch die psychologischen Aspekte gemeint.

Warum fällt uns die Wertschätzung des anderen oft so schwer?

Felicitas: Es ist einmenschlicher Gen-Defekt, dass man immer das Augenmerk auf das richtet, was nicht richtig ist oder was fehlt. Wir nehmen all das Schöne, was wir an unserem Partner haben, nicht wahr, sondern regen uns über die zerdrückte Zahnpasta-Tube auf.

Volker: Wir erleben ja schon in der Schule eine Rotstift-Kultur, die darauf gerichtet ist, was wir alles nicht können und was alles falsch ist. Eine Kultur der Wertschätzung muss neu eingeübt werden.

Wie kommentieren Sie Vorschläge wie den der Politikerin Gabriele Pauli, dass Ehen nur auf sieben Jahre geschlossen werden sollen?

Felicitas: Es ensteht der Eindruck, als versuche hier jemand, aus derErfahrung des eigenen Scheiterns eine Norm für alle zu machen.

Volker: Für uns hat Ehe die Bedeutung der Verlässlichkeit und gerade auch der Unbefristung. Ich weiß, dass – egal wie wir uns auch streiten – meine Frau nicht geht.

Felicitas: Ich kann große Probleme mit meinem Mann bekommen, aber es wird immer mein Mann bleiben. Diese Grundgewissheit braucht die Seele, sonst kann sie sich nicht fallen lassen.

„Zerstöre das Bild, das du vom anderen hast”, empfehlen Sie in Ihren Büchern. Wie ist das gemeint?

Volker: Wenn wir uns in einen Menschen verlieben, haben wir ein Bild von ihm. Eine Momentaufnahme in seiner Biografie. Und wehe, der Mensch wird anders. Dann kommtdas Genörgel: ,Du bist überhaupt nicht mehr wie früher!' Wenn ich eine Ehe eingehe und zu einem Menschen ja sage, dann sage ich auch ja zu diesem Menschen, wie er sich in 10, 20 oder 30 Jahren entwickeln mag - nicht ahnend,was da vielleicht noch kommt. Wenn ich das bejahe, dann beginnt mit der Ehe eine psychologische Entdeckungs- und Entwicklungsreise. Man weiß nicht genau, wo man ankommt.

Schamlosigkeit gehört ins Bett und ins Gespräch

Wie verhalten sich Verliebt sein und Liebe zueinander?

Felicitas: Verliebtheit ist ein Streichholz, und die Liebe ist eine Kerze. Verliebtheit ist wichtig, aber auf Herzklopfen kann man keine Beziehung aufbauen. Liebe ist eine Entscheidung. Verliebtsein ist zeitlich begrenzt, Liebe kann nicht zeitlich begrenzt sein.

Passen Männer und Frauen sexuellzueinander?

Felicitas: Die Sexualität von Mannund Frau ist nicht deckungsgleich, aber es gibt Schnittmengen. Und im Lauf einer Beziehung geht man mal mehr auf die eine, mal mehr auf die andere Seite. Wenn man sich liebt, sagt man: Gut, das sind nicht Dinge, die ich von mir aus machen würde, aber da ich dich liebe, machen wir das mal – und andersherum. Und man sagt auch: Das möchte ich nicht, das geht nicht.

Die Sexualität desanderen entdecken

Volker: Mann und Frau können etwas einbringen in das Leben des anderen, das dieser so nicht hat. Wenn man dazu bereit ist, die Sexualität des anderen zu entdecken, wird man sich gegenseitig bereichern können.

Worin liegt die Kunst der Erotik in einer langfristigen Partnerschaft?

Volker: Schamlosigkeit im guten Sinne gehört in das eheliche Bett und in das eheliche Gespräch. Die Partner müssen voneinander wissen, was sie wollen, was sie können, was sie brauchen. Und was sie nicht können und nicht wollen. Wichtig ist auch, die Veränderungen der Sexualität wahrzunehmen. Die Präferenzen verändern sich wie der Hormonspiegel, und dieser Veränderung muss man auf der Spur bleiben. Meine Frau trifft in der Eheberatung immer wieder auf lange verheiratete Paare, die nicht voneinander wissen, was wirklich ihre großen sexuellen Sehnsüchte sind. Die haben darüber nie gesprochen!

Es gibt immer mehr „Seitensprung-Agenturen” und andere Angebotefür Menschen, die außerehelichen Sex suchen. Was bedeutet ein „Seitensprung” für eine Partnerschaft?

Felicitas: Der Seitensprung wird in seinen Folgen völlig unterschätzt. Der Seitensprung bedeutet nicht automatisch das Ende einer Beziehung. Aber das absolute Urvertrauen platzt wie ein Ballon. Das Sicherheitsgefühl ist weg. Die Beziehung ist nicht hin, aber sie wird nie mehr so wie früher sein.

Also ist Seitensprungvermittlung eine verhängnisvolle Geschichte?

Volker: Wenn ich das als Theologe sagen darf: Es ist böse...

Felicitas: ...und zwar nicht aus moralischen Gründen, sondern weil Seelen belastet und schlimmstenfalls zerstört werden.

Volker: Das Verharmlosen der psychischen Tiefen ist das Böse. Von wegen „Es macht doch Spaß” oder „Einmal ist keinmal”. Dass Sie mit einem Seitensprung Vertrauen zerstört haben, merken Sie erst hinterher.

Wie sehen Sie die Zukunft der Ehe?

Felicitas: Das Grundbedürfnis derMenschen nach einer verlässlichen Partnerschaft wird nicht nachlassen, sondern eher noch zunehmen. Aber ich fürchte, es wird immer mehr beziehungsunfähige Menschen geben. Es gibt immer weniger Vorbilder. Und die Fähigkeiten, auch Durststrecken auszuhalten, werden immer weniger gelernt.

Bindungshungrig und zugleich bindungsunfähig

Volker: Weil immer mehr Kinder schon im Elternhaus lernen: Beziehung funktioniert nicht. Sie lernen,dass es nicht geht, haben aber eine Sehnsucht danach. Das ist tragisch.

Felicitas: In der Tendenz sehe ich die Gefahr, dass wir eine bindungshungrige und gleichzeitig bindungsunfähige Gesellschaft werden.

Das Gespräch führte Rolf Langenhuisen

 
 

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