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EM 2012

ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an

08.06.2012 | 14:05 Uhr
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn redet Klartext. Foto: dapd

Köln.   Jörg Schönenborn ist im Ersten der Herr der Hochrechnungen, normalerweise. Jetzt ist der WDR-Chefredakteur als ARD-Teamchef bei der Europameisterschaft. Im Interview redet er Klartext.

WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn ist der TV-Nation als Herr der Hochrechnungen bekannt. Jetzt ist der gebürtige Solinger als Chef des ARD-Teams bei der Europameisterschaft dabei. Der 46-Jährige ist vom Fach, wie er im Gespräch mit Jürgen Overkott offenbarte.

Sie waren früher Fußball-Schiedsrichter. Hatten Sie beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC einen Flashback?

Jörg Schönenborn: Ich habe mich wirklich gefragt, wie ich selbst reagiert hätte – wobei ich sagen muss, dass Schiedsrichter heutzutage durch die vierten Offiziellen eine ganz andere Unterstützung haben als früher. Ich habe sehr großen Respekt vor der Geduld von Wolfgang Stark. Ich hätte nicht gedacht, dass er es schafft, das Spielfeld zu räumen. So, wie er es gemacht hat, ist es der sportlich-faire Weg.

Welche schwierigen Situationen haben Sie selbst überstehen müssen?

Jörg Schönenborn: Ich habe Spiele abbrechen müssen, im Jugendbereich. Es gab damals schon Bereiche, wo es nicht immer fair zuging.

Eltern prügelten sich, erst am Rand, dann auf dem Platz

Erinnern Sie sich an eine konkrete Szene?

Jörg Schönenborn: Es gab ein Jugendspiel in Langenfeld, bei dem die Eltern anfingen, sich zu prügeln, erst am Rand, und dann setzte sich das auf dem Spielfeld fort. Das ist etwas über 20 Jahre her.

Was ging in Ihnen vor, als die Situation eskalierte?

Jörg Schönenborn: Ich habe als Schiedsrichter gelernt, wie wichtig es ist, dass Autorität funktioniert. Die Autorität ist geliehen durch Pfeife und schwarzes Hemd. Ein guter Schiedsrichter reagiert früh. Es ist besser, die Handbremse anzuziehen, bevor die Mauer kommt.

Eltern und Betreuer wussten, der Verband greift durch

Der Gesang „Schiri, wir wissen, wo Dein Auto steht“ ist uralt. Hatten Sie Angst um Ihre Sicherheit?

Jörg Schönenborn: Ich wusste nicht, ob ich heil in die Kabine kommen würde. Ich hatte Angst, ja. Aber es wahr damals hilfreich für die Autorität des Schiedsrichters, dass Eltern und Betreuer wussten: Wenn etwas passiert, greifen die Verbände hart durch.

Die äußere Autorität ist nichts ohne innere Autorität. Sind Sie damals unterstützt worden?

Jörg Schönenborn: Es gab damals sehr gute Lehrgänge, in Duisburg, an der Wedau. Da wurde eine Menge getan, schon deswegen, weil Schiedsrichter schon damals Mangelware waren. Ohne Kompetenz nützt Ihnen die Pfeife nichts. Sie müssen souverän mit den Regeln umgehen und, im doppelten Sinne, auf Ballhöhe sein. Ich habe erlebt, dass der Job sehr fordernd ist.

Haben Sie deshalb aufgehört?

Jörg Schönenborn: Nein, das hatte mit meiner Arbeit für die Zeitung zu tun, ich habe als Sportreporter angefangen, und irgendwann musste ich mich entscheiden.

Erfahrung beim Sport hilft im Beruf

Was hat Ihnen der Sport für Ihren Beruf gebracht?

Jörg Schönenborn: Beim Sport trifft man immer auf einen Querschnitt der Gesellschaft. Der Freundeskreis, der sich aus Studium und Beruf ergibt, besteht doch eher aus Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie man selbst. Das Bild, dass alle dabei sind, ist auch hilfreich, wenn man sich sein Publikum bei einer Zeitung oder beim Fernsehen vorstellt.

Sport und Politik sind nicht so weit voneinander entfernt, wie mancher glauben möchte. Was kann die EM in der Ukraine bewirken?

Jörg Schönenborn: Wir erleben da gerade eine sehr spannende Phase. Die Mauer zwischen Sport und Politik, die bei der WM in Argentinien und bei den Olympischen Spielen in Moskau bestand, ist eingerissen. Wir haben am Beispiel von (der Oppositionspolitikerin) Julia Timotschenko erlebt, dass man beides nicht mehr trennen kann, gerade in Zeiten heutiger Kommunikationsmittel. Es ist wohltuend, dass sich (DFB-Chef) Wolfgang Niersbach, (sein Vorgänger) Theo Zwanziger und (Nationalelf-Kapitän) Philipp Lahm in einer Art zu Menschenrechtsfragen geäußert haben. Das heißt nicht, dass man in der Ukraine nicht spielen kann. Aber Diktatoren und Autokraten können nicht mehr die Rechnung aufmachen, ich kaufe mir ein Turnier – und damit ein gutes Image.

Internationales Publikum unterscheidet sich von Liga-Fans

Es reicht nicht mehr, es nur in den Beinen zu haben.

Jörg Schönenborn: Es müssen sich nicht alle äußern. Es reicht, wenn sich, beispielsweise, der Kapitän pointiert äußert. Da wäre auch jemand wie (Uefa-Präsident) Michel Platini gut beraten, wenn er so etwas nicht kurzerhand zurückweist.

Glauben Sie, dass es bei der EM Fan-Unruhen geben kann?

Jörg Schönenborn: Nach allem, was ich weiß, werden die Behörden die Sicherheit im Griff haben, zumal das internationale Publikum anders ist als das Publikum, das etwa polnische Liga-Spiele besucht. Die EM-Fans wollen eher ein Fußball-Fest.

Auch Fans in der Bundesliga haben in der letzten Zeit verstärkt versucht zu zündeln.

Jörg Schönenborn: Die Bengalos sind ein Symbol. Es ist eine sichtbare Form von Randale. Wir können uns nicht den ersten Schwerverletzten oder den ersten Toten erlauben. Die Vereine müssen stärker kontrollieren. Es geht nicht ohne klare Strafen. Es müssen Grenzen gesetzt werden.

Jürgen Overkott


Kommentare
09.06.2012
19:20
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von jmeller | #7

Weder der DFB noch die Fußballvereine können Brandfackeln in Stadien erlauben.
Das können nur Zb. Ordnungsämter oder Feuerwehr. Aber die genehmigen so etwas auf Zuschauertribünen grundsätzlich nicht.

Also wird es Brandfackeln nach Anmeldung niemals geben.

09.06.2012
08:35
Bengalos
von GrafEngelbert | #6

Von einem aalglatten, karriereorientierten Saubermann, kann man keine gehaltvolleren Äußerungen erwarten.

08.06.2012
21:49
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #5

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

08.06.2012
21:08
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von Vermentina | #4

Wer aus 1000 Befragten einen Trend (nicht Wahltrend) macht, scheint auch zum Interviewpartner zu taugen.
Schönenborn hat seine Erfahrungen gemacht, die sicher nicht immer schön waren.
Aber sich jetzt im Zusammenhang mit der Europameisterschaft zu äußern, halte ich mal für fragwürdig.
Ein "seriöser" Mensch soll seine Meinung sagen, und ablenken.
Frau Merkel soll während der nächsten Wochen an uns vorbei in Ruhe "durchregieren"
Obacht, sage ich nur
Danke WAZ, für dieses Interview

08.06.2012
21:02
Der Herr der Hochrechnungen äußert sich zum Fuball
von Vermentina | #3

Wer aus 1000 Befragten einen Trend (nicht Wahltrend) macht, scheint auch zum Interviewpartner zu taugen.
Schönenborn hat seine Erfahrungen gemacht, die sicher nicht immer schön waren.
Aber sich jetzt im Zusammenhang mit der Europameisterschaft zu äußern, halte ich mal für fragwürdig.
Ein "seriöser" Mensch soll seine Meinung sagen, und ablenken.
Frau Merkel soll während der nächsten Wochen an uns vorbei in Ruhe "durchregieren"
Obacht, sage ich nur
Danke WAZ, für dieses Interview

08.06.2012
15:03
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von gudelia | #2

Meiner Meinung nach sitzt Timoschenko zu Recht in der Kiste. Wäre ich nun ein "begnadeter" Fußballspieler und würde mich öffentlich dahingehend äußern wäre meine Nationalmannschaftskarriere für immer vorbei. Also, Intelligenz schweigt!

4 Antworten
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von Oberhart | #2-1

Tja, prinzipiell ist wohl auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Korruption und krumme Geschäfte bekämpft werden. Aber dann bitte mit fairen, rechtstaatlichen Prozessen. Dass sich die Kritik an der Inhaftierung von Frau Timoschenko entzündet, ist vielleicht nicht ganz richtig. Wünschenswerter wäre tatsächlich wenn man die Probleme Korruption, organisertes Verbrechen, Rassismus, Menschenrechte, Einschränkung von Pressefreiheit, Umgang mit Tieren etc. konkret ansprechen würde. Aber das passt dann nicht in eine Schlagzeile und kann nicht abgebildet werden.

Frau Timoschenko ist schlichtweg nichts anderes als Symbol dafür, dass in der Ukraine einiges nicht so ganz sauber läuft.

Intelligenz schweigt!
von derutkiek | #2-2

@gudelia: Daher haben Sie sich ja auch zu Wort gemeldet...

ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von gudelia | #2-3

Tja, Oberhart,
da liegt der Hase im Pfeffer, wer sagt was ein fairer, rechtstaatlicher Prozess ist? Woran macht man fest, daß der Prozess nicht rechtstaatlich war? Wünschenswert wäre natürlich auch wenn wir hier, in der BRD, die Probleme Korruption, organisiertes Verbrechen, Rassismus und Menschenrechte in den Griff bekämen. Pressefreiheit und der Umgang mit Tieren funktioniert ja schon ganz gut.

@gudelia
von derutkiek | #2-4

Sie kritisieren in 2#3 das deutsche Rechtssystem, meinen aber unter #2, dass Frau Timoschenko Ihrer Meinung nach zur Recht im Gefängnis sitzt.

Ist Ihnen also das ukrainische "Rechts"-sytem sympatihscher?

08.06.2012
14:51
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von Oberhart | #1

Recht hat Herr Schönenborn, was Lahm und Platini angeht. Von Zwanziger oder Niersbach hätte ich mir sogar etwas mehr erwartet, aber geschenkt.

Was Bengalos angeht: Hier gabe s schon erste Verletzte im deutschen Fußball, etwa am 10.03.2010 in Bochum. Da muss also nicht erst gewartet werden. Trotzdem sind Bengalos nicht automatisch Randale. Es kommt eben darauf an, wie sie verwendet werden. Gerade bei Abendspielen können sie für ordentlich Atmosphäre sorgen. Leider kann sie eben auch werfen und aufgrund der hohen Hitze besteht dann die Gefahr schlimmer Verbrennungen. Nur: mit Verteufelung der Bengalos wird das Problem irgendwie nicht gelöst. Vielleicht wäre es tatsächlich sinnvoll mal auf die Ultras zuzugehen. Zulassung von Bengalos nach Anmeldung wäre vielleicht eine Möglichkeit.

4 Antworten
ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von ralfcausm | #1-1

@Oberhart: "..Zulassung von Bengalos nach Anmeldung.." Bengalos entwickeln Temp. von über 1000 Grad. Und Bengalos sind KEIN Ausdruck von Emotion. Sie sind Ausdruck von Dummheit und Intoleranz. Wenn einer dieser Vollpf.. einen entsprechenden Schein als Feuerwerkstechniker hätte (die meisten haben nicht Hauptschulabschluss), wäre es immer noch kein Argument für diese Dinger.

nicht mal Hauptschulabschluss...
von GrafEngelbert | #1-2

...stimmt der überwiegende Teil hat sogar die allgemeine Hochschulreife... das war wohl nix.

Kein Ausdruck von Emotion
von Oberhart | #1-3

Naja, in Südeuropa gehören die Dinger seit Anfang der 90er zum Stadioninventar. Meines Wissens nach ist da auch noch niemand verbrannt, obwohl - etwa in türkischen Stadien - die Emotionen ja sogar noch ein bisschen heißer köcheln als hierzulande.

Nicht dass wir uns flasch verstehen. Ich muss die Dinger auch nicht um mich haben. Ich glaube nur, dass die derzeitige Debatte etwas überhitzt geführt wird.

ARD-Teamchef Schönenborn pfeift Platini an
von jmeller | #1-4

Weder der DFB noch die Fußballvereine können Brandfackeln in Stadien erlauben.
Das können nur Zb. Ordnungsämter oder Feuerwehr. Aber die genehmigen so etwas auf Zuschauertribünen grundsätzlich nicht.

Also wird es Brandfackeln nach Anmeldung niemals geben.

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